Schreibwerkstatt: Lyrik – „Ode auf was auch immer“

Nach einer Einstimmung mit Schillers Ode „An die Freude“ und Pablo Nerudas Oden auf eine Katze und auf einen Stuhl (bei denen ich abgelenkt war, weil gerade ein schöner Band mit Gedichten von Rose Ausländer meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt hatte) sollten wir nun eine Ode schreiben, den Gegenstand durften wir frei wählen (das war eigentlich der heikelste Punkt, allein auf die Wahl des Gegenstandes hätte ich mehrere Tage verwenden können 🙂 ). Es waren ganz tolle Oden, die da von den Teilnehmerinnen zusammenkamen: eine Ode auf das Problem, auf die Tür, auf die Wanderstiefel, auf die Worte, auf die Schrift… Ich verrat Euch erst mal nicht, worauf ich meine Ode gedichtet habe – lest selbst:

Alles sagst du – oder nichts:
Pause oder Seelenbrause,
ein Innehalt, ein Sprungbrett oft,
ein Zögern nur, ganz unverhofft.
Des Schweigens Zeichen, des Denkens Weichen
setzt du, stellst du in aller Schlichtheit
mit deiner Nichtheit.
Du findest Platz in jeder Ecke,
als Bruch, als Band, als Zeilenhecke.
Du bist die Krone, bist die Summe,
bist der Leise, bist der Stumme:
Punkt, Komma, Ruf- und Fragezeichen
vermögen nicht das Wasser dir zu reichen.
Und dafür, dafür lieb ich dich –
Gedankenstrich.

Ein herzliches Dankeschön an Jutta und die nette Frauenrunde für diesen inspierenden und entspannten Workshop! Der ein oder andere Gedanke wird mit Sicherheit noch nachwirken…

13 Kommentare zu “Schreibwerkstatt: Lyrik – „Ode auf was auch immer“

    • Ja, nicht? – was wären wir Lyrikerinnen ohne ihn? (wobei diese Liebe gewisse Ungerechtigkeiten in sich birgt: denn offen gestanden, würde ich keines unserer Satzzeichen missen wollen. Und: Es gibt Texte, bei denen vermisse ich sogar die gute alte Virgel, die durch das eindeutigere Komma abgelöst wurde; also vielleicht hätte ich auch eine Ode auf die Virgel schreiben können).

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  1. So ungewöhnlich lange Zeilen gemessen an deiner sonst üblichen Form! Wie streng war denn eure formale Oden-Vorgabe? Die Variation der Anzahl der Hebungen strukturieren die Ode sehr reizvoll, vor allem die Kurzzeilen bilden beinahe einen Strophenstopp.
    Deine Themenwahl finde ich äußerst erfreulich, es war sozusagen überfällig, den Gedankenstrich lyrisch zu ehren.
    Das scheint ein sehr beflügelnder Workshop gewesen zu sein.
    Gruß
    Ule

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    • Nein, es gab keine formalen Vorgaben (außer dem lobenden Duktus und dem feierlichen Ton, den man aber auch hätte brechen dürfen) – was für mich die Sache nicht ganz einfach gemacht hat. So hab ich an ganz vage Erinnerungen an den Oden-Ton anknüpfen müssen. Und dazu gehört für mich die Variation der Verslänge wie auch eine gewisse Unregelmäßigkeit in der Verteilung der Reime (wobei ich gar nicht weiß, warum ich denke, dass das zu einer Ode gehört; überhaupt habe ich – muss ich zu meiner Schande gestehen – keine klare Vorstellung von der Odenform ). Aber ganz ausgegoren ist der Text noch nicht… (deswegen auch unter Übungstexte). Doch ich habe große Lust, in neue Dimensionen des Dichtens vorzudringen und auch mal Neues auszuprobieren. Ganz konnte mir das der Workshop leider nicht bieten, aber den maßgeschneiderten Workshop wird man auch nirgends finden, den muss man sich wohl selbst machen.

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  2. Eines meiner Lieblingsbücher ist
    Felsner/Helbig/ Manz, Arbeitsbuch Lyrik. 2.Aufl.
    Akademie Verlag
    Konzentrierte Informationen zu Formen, mit Beispielen und Aufgaben.
    Etwas kleinschrittiger und sehr handlungsorientiert aufgebaut:
    Waldmann, Produktiver Umgang mit Lyrik.
    Schneider Verlag Hohengehren
    Richtig Spaß macht sowas wohl nur, wenn man das gemeinsam bearbeitet. Zum Beispiel mit „geladenen Gästen“ auf einer nichtöffentlichen Seite im Blog, die nur nutzen kann, wer das Passwort hat.
    Man könnte sich auf ein „Lehrwerk“ einigen, und reihum ist jeder mal dran, für die Gruppe eine Aufgabe zu stellen, zu der jeder liest und textet und postet. Den Zeitrahmen kann man ja mitgliederkompatibel gestalten, wäre ja Verabredungssache.

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    • Mir ist gerade aufgefallen, dass ich hier ja gar nicht mehr geantwortet habe. Ja, sowas könnte man echt mal machen. Die Bücher müsste ich mir erst noch anschauen (muss mal gucken, ob wir sie in der Bibliothek haben). Aber vielleicht müsste man auch gar kein Lehrwerk abarbeiten (obwohl ich auch für sowas zu haben wäre), vielleicht könnte man einfach am jeweiligen „work in progress“ diskutieren, also an Fragen, die einem bei der aktuellen dichterischen Tätigkeit so umtreiben. Also: Ich wär dabei!

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      • Das jeweilige „work in progress“ ist nur oft so weit weg von dem der anderen Teilnehmerinnen einer solchen Unternehmung. Irgendeine Art verabredeten Themas würde für einen Aspekt eine gemeinsame Diskussionsgrundlage sichern. Ich kann mir vorstellen, dass das einfacher wäre.
        Wir können das aber auch in anderer Form weiter diskutieren, wenn du das hier in deinem lyrischen Blog nicht haben willst, zum Beispiel per Mail.

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  3. Das war schön zu lesen, ich glaube, so etwas könnte ich nicht. Ich gebe mich auch der Qualität meiner Lyrik keiner Illusion hin, der Zweifel sitzt sozusagen beim Schreiben direkt neben mir. Aus diesem Grunde, als Dank für seine treue Begleitung, habe ich ihm auch eine kleine Ode geschrieben…

    Ode an den Zweifel

    Der Käfer nagt am Blatt der Eiche,
    und am grünen Gras die Kuh.
    Es nagt die Made an der Leiche,
    an meinem Herzen nagst nur du.
    🙂

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