Lyrifants Manifest (2): wOrt

wOrt

Madame, was soll dieser Hype um das Wort? – das Wort ist der Ort, an dem ich bin, wenn ich schreibe. das Wort ist der Ort, von dem aus ich schreibe. das Wort ist der Ort, an den ich mich schreibe. das Wort ist das Wo, das Woher, das Wohin meines Schreibens.
ohne Wort kein Schreiben. ohne Wort kein Gedicht. das Wort ist Anfang, das Wort ist Ende, das Wort ist Mitte des Schreibens. vom Wort komme ich, zum Wort gehe ich, im Wort bin ich, wenn ich schreibe.
ich schreibe, das heißt: ich finde ein Wort – oder vielmehr: das Wort findet mich. bringt mich auf den Weg, auf den WortWeg. ich gehe auf das Wort zu. gehe um das Wort herum. gehe in das Wort hinein. gehe über das Wort hinaus. finde ein zweites Wort. ein drittes. das Wort führt mich von Wort zu Wort. ich komme von Wort auf Wörtchen.
das Matrjoschka-Princip (ein Grundsatz? nein: ein GrundSatz!): in jedem Wort steckt ein weiteres Wort. ein kleineres Wort. und wenn es auch nur ein Fantasie-Wort ist. (wobei: was heißt hier nur?). das Mobile-Princip: an jedem Wort hängen weitere Wörter. gefundene und erfundene. und an jedem dieser Wörter hängen wiederum weitere Wörter. zu findende und zu erfindende. das (Purzel-)Baum-Princip: aus jedem Wort sprießen neue Wörter. aus jedem Wort sprossen neue Wörter. purzeln Wörter. Wörter, die bleiben. und Wörter, die wieder gehen. Wörter für den einmaligen Gebrauch. und Wörter für die Ewigkeit. farblose Wörter, die aber vielleicht ganz praktisch sind. und knallbunte Fantasie-Wörter, die auch unnütz sein dürfen.
ein Wort kommt nie allein. und doch: ein jedes Wort steht für sich. aber: ein jedes Wort steht ein für ein anderes Wort, das nächste Wort (und das übernächste). aber auch: ein jedes Wort bleibt sich selbst das nächste. und dennoch: ein jedes Wort zieht weitere Wörter an. doch auch: ein jedes Wort zieht weiter und hinterlässt seine eigene unverwechselbare Spur.
ein Wort ist mehr als ein Wort, am meisten aber ist es doch (so habe ich es in einem Gedicht gesagt), wenn es ein Wort ist. was aber ist ein Wort, wenn es (nur?) ein Wort ist? ein Wort, das ein Wort ist – nein, das ist keine Tautologie! ein Wort, das ein Wort ist, ist ganz bei sich. ist (nur!) es selbst. ist wieder an seinem Ursprung, aber mit seiner ganzen Geschichte. das Wort, das Wort ist, ist voll und leer zugleich. es ist voll, wenn es leer ist. es ist leer, wenn es voll ist. deshalb ist das Wort als Wort der wunderbarste Rohstoff, den sich die Dichterin, der Dichter für ein Gedicht wünschen kann. denn Dichten, das heißt: Wörter säen, um Worte zu ernten.

9 Kommentare zu “Lyrifants Manifest (2): wOrt

  1. großartig – ja! und das tolle ist ja auch, dass jedes wort für sich schon mindestens eine bedeutung/ dimension hat und dann erst kommt das zusammenspiel mit einem anderen wort, mit anderen wörtern, worten – und das ist so unglaublich vielschichtig.
    oh, ich liebe wörter, worte, wie du ja auch, und deshalb mag ich deine manifeste außerordentlich. mehr davon! bitte. 🙂

    Gefällt 5 Personen

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