artig unartig

unartig schimpfen
mich die, die mich
artig haben wollen

dabei liegt es nicht
in meiner Art,
unartig zu sein

vielmehr gehört es
zu meinen Unarten,
artig sein zu wollen

unartig bin ich
nur in dem Sinne, dass ich
aus der Art schlage

artig aber will ich sein
in meiner Art:
andersartig
eigenartig
einzigartig

Funkstille

Endlich Stille.
Funkstille.
Funkenstille.

Endlich vorbei der
Funkenflug.
Endlich vorbei der
Funkenregen.
Endlich vorbei der
Funkenhagel.

Endlich nicht mehr im
Funkensturm.
Endlich im
Funkschatten.

Kein Funke sprang
über. Trotzdem
brannte es
überall.

Von meinem Funkturm
funkte ich
Funkzeichen,
Funkspruch über Funkspruch.
Doch wir funkten
auf verschiedenen Funkwellen.

Nur eine Funzel
bringt jetzt noch Licht
in die funkelnde Stille.
Endlich Stille.
Funkstille.

Und in mir wieder
ein Funken Leben.

geschrieben nach der Lektüre der Bücher „Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen“ und „Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen“ von Tina Soliman (zur Webseite), die mir gerade sehr helfen, den späten, aber wohl unumgänglichen Kontaktabbruch zu meinen Eltern zu verarbeiten

Metamorphosen

Wem man
die Flügel stutzt,
kann nicht mehr
fliegen.
So lernte ich laufen.

Wem man
die Wurzeln abhackt,
kann nicht mehr
wachsen.
So lernte ich klettern.

Wem man
die Luft abschnürt,
kann nicht mehr
atmen.
So lernte ich tauchen.

Wem man
die Augen aussticht,
kann nicht mehr
sehen.
So lernte ich fühlen.

Wem man
die Hände bindet,
kann nicht mehr
greifen.
So lernte ich denken.

Wem man
das Maul stopft,
kann nicht mehr
sprechen.
So lernte ich schreiben.

Wem man
die Liebe versagt,
kann nicht
leben.
So lernte ich lieben.

verloren

verloren habe ich
das Spiel
die Schlacht
den Krieg

verloren habe ich
den Mut
den Glauben
die Hoffnung

verloren habe ich
den Überblick
das Gleichgewicht
die Fassung

verloren habe ich
die Spur
den Faden
die Orientierung

verloren habe ich
das Gesicht
den Kopf
den Verstand
den Atem

verloren habe ich
den Boden
unter den Füßen

verloren habe ich
mich

verloren bin ich

 

Adieu!

Das böse Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
das Gute in ihm
nicht sehen wolltet.

Das ungehorsame Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
seine Liebe und Treue zu euch
nicht wahrhaben wolltet.

Das undankbare Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
seine Dankbarkeit
nicht annehmen wolltet.

Das missratene Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
das, was ihm gelungen ist,
nicht wertschätzen wolltet.

Euer Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
dieses Kind
nicht haben wolltet.

 

Halbschattenkinderkind

Ich bin nicht nur ein
Halbschattenkind,
ich bin auch ein
Halbschattenkinderkind.

Im Schatten
des stets bevorzugten
erstgeborenen Bruders
der Vater.

Im Schatten
des früh verstorbenen,
weil kriegsversehrten Vaters
die Mutter.

Im Licht
einer ungleich geteilten Liebe
der Vater.

Im Licht
einer lieblosen Liebe
die Mutter.

Halbschattenkinder
also auch Ihr,
geliebte Eltern.

Tretet endlich in die Sonne,
tretet ins volle Licht
meiner verzeihenden Liebe.

Halbschattenkind

Es gab kein
Sonnenkind,
in dessen
Schatten ich stand.

Ich wurde nicht
versteckt,
weil es mich
nicht hätte geben dürfen,
aber auch nicht
ins volle Licht gestellt,
wohl weil ich kein
Wunschkind war.

Ich war kein
Ersatzteillager
für Organe,
nur eine
Ersatzlebenhalde
für unerfüllte Träume.

Ich stand im
Schatten
eines Wunschbildes,
dem ähnlich zu werden
unmöglich war.

Ich stand im
Licht
einer Liebe des Wenn,
einer Liebe des Aber,
einer Liebe des Allerdings.

Ich bin ein
Halbschattenkind.

Stell mich in die Sonne,
Liebster,
ins pralle Licht
Deiner unbedingten Liebe!

Kindheitsmuster

Du musst noch –
Du sollst doch nicht immer –
Du darfst auf keinen Fall –
Du kannst doch nicht –

Sei still –
Bleib schön brav –
Jetzt reiß dich mal zusammen –
Spiel dich doch nicht immer so auf –

Kannst du nicht hören?
Kannst du nicht besser aufpassen?
Hast du schon wieder?

Stell dich nicht so an!
Wenn du nicht -,
kommst du ins Internat!

Solange du deine Füße
unter unseren Tisch –
Wer zahlt, schafft an.

Aber ich will doch nur –
Kann ich nicht?
Darf ich nicht auch einmal?

Nein.

Vater hat Recht.
Mutter hat Recht.
Das Kind gehorcht.

Missverständnisse

Ich wollte nur
eine Grenze ziehen.

Da habt Ihr mich
ganz Eures Reiches verwiesen.

Ich wollte nur
meinen eigenen Platz finden.

Da habt Ihr mich
aus meiner Heimstatt verbannt.

Ich wollte nur
mit Euch neue Wege gehen.

Da habt Ihr mir
den Weg zu Euch zurück abgeschnitten.

Mein Weg

Mein Weg
ist
mein Weg.

Manchmal
ein Irrweg,
manchmal
ein Umweg.

Manchmal
eine Sackgasse,
manchmal
eine Einbahnstraße.

Manchmal
eine Rutschbahn,
manchmal
ein Klettersteig.

Manchmal
Kriechspur,
manchmal
Überholspur.

Aber immer
ist mein Weg
mein Weg.