Dialektik der Ausgangssperre

normalerweise
will ich nicht und
muss ich nicht
vor’s Haus
nach 21 Uhr

kaum aber
darf ich nicht und
kann ich nicht
vor’s Haus
nach 21 Uhr

dann
will ich unbedingt und
muss ich unbedingt
vor’s Haus
nach 21 Uhr

und die Vernunft
darf dann und
kann dann ebenfalls
vor’s Haus –
rund um die Uhr

Grüngürtelglück

was bleibt uns in diesen Tagen, als
die immer gleichen Wege zu gehen?
doch sind es ihrer so viele – zum Glück!

und gehst du dann mal dieses Stück,
mal jenes, in immer neuem Wechsel –
so öffnet sich für dich bei jedem Gang

auf immer gleichen Wegen
ein neuer Weg

zum Jahreswechsel

Wir sind ja in der luxuriösen Situation, zweimal im Jahr den Jahreswechsel zu feiern: zum 1.1. und zum persischen Neujahrsfest, das in diesem Jahr auf den 20.3. fällt. Und was mir an solchen Schwellentagen so durch den Kopf geht, habe ich in diese Zeilen gepackt (eher eine Liste als ein Gedicht, ein Listengedicht sozusagen).

zu letztem Neujahr
hofften wir: neues Jahr, neues Glück
und ahnten: noch nichts

zu letztem Nourouz
hofften wir: nicht mehr lange
und wussten: noch zu wenig

zu diesem Neujahr
wussten wir: schon viel mehr
und hofften: schon bald

zu diesem Nourouz
wissen wir: doch noch nicht
und hoffen noch immer: bald

zu nächstem Neujahr
hoffen wir: endlich vorbei
und wissen: hoffentlich genug

zu nächstem Nourouz
ahnen wir: jetzt!
und hoffen: neues Jahr, neues Glück

Gedanken am Ufer der zugefrorenen Havel

es könnte reizvoll sein:
alljährlich von Zeit zu Zeit
unter einer dünnen Haut aus Eis
ganz still zu werden, zu verharren,
für eine Weile zu erstarren, um bald
in der Wärme erster Sonnenstrahlen
allmählich aufzutauen und aufs Neue
zu glucksen beginnen und zu gluckern,
zu sprudeln, zu fließen und zu strömen

Schneeverse

in Schnee schrieb ich
meine alten Lieder, schrieb sie
ins Reine – Vers für Vers: horch,
wie harsch sie knirschen
unter meinem Schritt

aus Schnee schreib ich
meine neuen Verse, schreib sie
ins Weiße – Flocke um Flocke: sieh,
wie forsch sie stieben
über meinem Kopf

von Schnee schrieb ich
meine alten Lieder, von Schnee
schreib ich meine neuen Verse: fühl,
wie sie schon beginnen zu schmelzen
in der noch verhaltenen Wärme
der Wintersonne

Bitte, Danke, Entschuldigung

Es mögen wichtige Wörter sein, ja gewiss, doch alles, Seine Heiligkeit, das müssen Sie schon zugeben, lässt sich damit doch nicht regeln!

Bitte,
mein Kleiner,
still mein unheiliges Verlangen

Danke,
mein Kleiner,
gabst mir für Momente Erlösung

Entschuldigung,
mein Kleiner,
vergib mir meine tiefe Schuld

davon

es ist zum

davonlaufen: dieses ewige
daheimbleiben. mögen wir dadurch
davonkommen, möge es schützen vor dem

heimgang für immer und ewig.

davonstehlen würd ich mich gern. doch
davon nehm ich Abstand und bleibe
daheim. mögen wir alle was haben

davon: danach –

Dezember

leichten Schneefall schenkt
er mir so kurz nach Mitternacht
zu seinem ersten Tag im Jahr.
ich fang mir eine Flocke ein
aus seinem weißen Haar.
ich atme tief: Dezemberluft!
und lass mich von ihm rufen
so, wie er allein mich nennt:
bei meinem Schneenamen