rot

ihr seht mich rot: ich bin ein rotes Tuch
an einem roten Faden, rot geweint
nie wird ein roter Teppich, nie
ein Rotkäppchen daraus
vielleicht reicht es für
einen roten Knopf

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mehr als mein Schmerz

wenn diese selbsternannten Therapeuten
dir wieder einmal sagen: Mensch, bedenke,
du bist mehr als dein
Schmerz

dann nickst du lächelnd, denn du weißt:
ja, ich bin auch das Wort, um meinen
Schmerz zu fassen, ich bin auch mein
Schmerzwort

doch wenn das Wort nicht so recht passen
mag, dann hast du zu all deinem Schmerz
auch noch diesen furchtbar quälenden
Wortschmerz

der dir vollends bewusst macht: ja,
ich bin mehr als mein
Schmerz

Versuch: Lyrische Landschaft

Auf der documenta 14 ist mir – neben einer Vorliebe für Topographien – der Trend aufgefallen, Bilder aus mehreren Einzelbildern wie ein Mosaik zusammenzusetzen. Das wollte ich jetzt mal ins Lyrische übersetzen: kleine Gedichte, die zusammen ein Gedicht ergeben. Und hier ist mein erster Versuch dazu.

das leben zeichnet
geheime zeichen
unter meine haut
mir neue wege in
bewegung singen
werd ich für mich
alte landschaften
in auge und ohr
schreiben worte

Sommers in Umbrien

Sommerhitze bettet sich aufs weiche Hügelland,
senkt ihren schweren Schlaf auf traubensatte Reben
im silbergrünen Schimmer der Olivenbäume.
Die gelben Feigen träumen still vom Reifen.
Sogar die Wespen hängen träge vom Gebälk,
und auf den alten Mauern ruhen die Eidechsen,
sonst flink, in ihrem mittäglichen Sonnenbad.
Müd fällt mein Blick auf die Zypresse: wie sie
– einsam – unbewegt da steht und wacht.

und staune!

schau
ins Blau
von Himmel und Meer
schau – und staune:
wie schön ist die Welt!

lausch
dem Plausch
von Wellen und Wind
schau, lausch – und staune:
wie leicht ist die Welt!

tauch
ein in den Bauch
von Leben und Glück
tauch ein – und saug auf
das Leben, das Glück:
schau, lausch – und staune!

Grau in Grau. Die bunte Welt der Grautöne

Eine Hommage an die Farbe Grau und an den Monat November, inspiriert von der Grau-Bunt-Bilder-Serie von Silvia Springorum, beginnend mit “Dem Grau die Farben entlocken“, das mich bereits zu einem anderen Gedicht inspiriert hatte, bis hin zu „Die Stille küssen“ und „That’s the way the moon wanes

Graut dir im Morgengrauen schon
vor dem Grau des Alltags,
dann schau
ins volle Grau
und erschau bewusst die
bunte Welt der Grautöne.

Grau – das ist nur Theorie!
Du wirst sehen: Es gibt viel mehr als
Dunkelgrau und Hellgrau.
Zwischen Aschgrau und Rauchgrau,
zwischen Steingrau und Betongrau,
ja, zwischen Anthrazit und Schiefergrau
liegen unendlich viele Grauzonen.

Das Frühgrau des nebelgrauen Morgens
erinnert dich kaum noch an
das Spätgrau des regengrauen Abends davor.
Das Sonnengrau hebt sich
von Himmelgrau und Wolkengrau
ganz deutlich ab.
Und auch das Mondgrau ist
weitaus mehr als nur
ein Silbergrau über einem
Feld-, Wald- und Wiesengrau.

Graue Literatur
vom grauen Markt,
graue Kunst
aus grauer Vorzeit
sind alles andere als
Graubrot.

Nicht einmal bei Nacht sind
alle Katzen grau,
keine graue Katze gleicht der anderen:
die eine mausgrau, die andere rattengrau,
diese elefantengrau, jene flusspferdgrau,
diese taubengrau, jene nebelkrähengrau,
– eine sogar auch graupapageiengrau –
diese bibergrau, jene ottergrau,
diese delfingrau, jene walgrau,
eine igelgrau, eine kaninchengrau,
eine eselsgrau, eine wolfsgrau, eine bärengrau.

O, wie bunt ist Grau!