Bitte einer Dünnhäutigen

Wer vollmundig
Brandanschläge gegen Asylheime verurteilt,
aber nur halbherzig
das Herz hat, die Brandstifter zu verfolgen –

Wer doppelzüngig
die Willkommenskultur feiert
und dabei engstirnig
die Stirn hat, die Grenzen zu schließen –

Wer pausbäckig und rotwangig
Europas Werte verteidigt
und großmäulig und breitbeinig
ein Integrationspflichtgesetz einfordert,
aber hochnäsig
über die Schutzsuchenden die Nase rümpft
und dickköpfig
nur Obergrenzen im Kopf hat –

der tritt leichtfüßig
des Menschen Recht mit Füßen,

der wirkt eigenhändig
der neuen Rechten in die Hände,

der läuft blauäugig
dem Abgrund ins Auge.

Dünnhäutig, wie ich bin,
habe ich nun
nur noch eine Bitte:

Bleibt feinfühlig,
hellhörig und
weitsichtig.

Nicht eigens dafür geschrieben, aber sicher auch ein Beitrag, der gut in das Projekt „Gegen das Vergessen“ passt. Die anderen Beiträge zu diesem Projekt habe ich verlinkt unter meinem ersten  Beitrag „gegen das vergessen„.

Gastfeindschaft

Wo aus einem „Willkommen!“
ein „Willgehen“, will heißen:
ein „Ich will, dass sie gehen“ wird.

Wo man statt freundlich „Herein!“
feindselig „Raus!“ ruft.

Wo der Einladung
schon bald die Ausweisung folgt.

Wo man den herzlichen Empfang
zu einer herzlosen Gefangennahme machen will.

Wo man statt eines Obdachs
eins auf’s Dach bekommt.

Wo man statt einer Herberge
nur ein „Hinweg!“ findet.

Wo sich die Begrüßung
in eine Verabschiedung,
in eine Verabschiebung verkehrt.

Dort ist nicht „Die Welt
zu Gast bei Freunden“.
Dort sind arme Menschen
Fremde unter Feinden.

Luftwurzeln

Neue Wurzeln
wollte ich Dir geben
in meiner Erde.

Meine Erde aber hat
Deine Wurzeln
nicht aufgenommen.

Meine Erde hat dafür
meine Wurzeln
abgestoßen.

So hängen nun
Deine Wurzeln und
meine Wurzeln
in der Luft –
frei von Deiner Erde,
frei von meiner Erde.

So sind nun
Deine Wurzeln und
meine Wurzeln
Luftwurzeln,
die Halt finden,
indem sie einander umschlingen.

Inspiriert ist dieses Gedicht von der Bezeichnung „LuftwurzelLiteratur“, in die der sujet-Verlag die Exil-Literatur programmatisch umbenannt hat – ein Wort, das mich unmittelbar angesprungen hat, auch wenn es erst noch etwas in mir arbeiten musste, bis ich zu diesem Gedicht fand.

Geschlossene Gesellschaft

„Geschlossene Gesellschaft!“
Ja, wir feiern Party, unentwegt.
Aber ihr seid nicht eingeladen.
Denn wir wollen unseren Kuchen mit niemandem teilen,
schon gar nicht mit euch.

„Bitte nicht stören!“
Ja, wir wollen unter uns bleiben.
Wir wollen ganz ungestört unseren dreckigen Geschäften nachgehen,
und wir verdienen am meisten an euch,
wenn ihr draußen bleibt.

„Wir müssen draußen bleiben.“
Hier ist kein Raum für Humanität.