Schläft ein Lied … (Drei unromantische Variationen)

Das Original:
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort

Joseph Freiherr von Eichendorff,  Schläft ein Lied in allen Dingen (1835)

(1) Schläft ein Lied …, selbstbewusst-destruktiv
schlaf ein Lied ich aus den Dingen,
die ich träume fort und fort,
und die Welt heb ich ins Singen,
treff genau ins Zauberwort

(2) Schläft ein Lied …, arrogant-pragmatisch
wach bin ich und zähl die Namen,
die ich finde da und dort,
pass die Welt in meinen Rahmen,
brauch dafür kein Zauberwort

(3) Schläft ein Lied …, resignativ-verzweifelt
schläft kein Lied mehr in den Dingen,
die da träumen nimmerfort,
keine Welt hebt an zu singen,
tot ist just das Zauberwort

kein Weihnachtsgedicht

kein Weihnachtsgedicht
mag ich von der Seele
mir schreiben

ein „kein Weihnachtsgedicht“
möge vom Leibe
mir bleiben

mein „nein, kein Weihnachtsgedicht“
mochte nun doch aus Leib und Seele
mir treiben

dennoch: kein Weihnachtsgedicht
möchte ich schreiben –

nur gute Wünsche, ungereimt

Ihr Lieben,

die Ihr mir hier auch in diesem Jahr Eure wohlwollende Aufmerksamkeit geschenkt habt (durch Euer Mit-Lesen und Mit-Denken, wenn nicht gar Mit-Dichten), Euch sage ich DANKE und wünsche Euch friedvolle Weihnachtstage und einen geruhsamen Jahreswechsel. Und für 2022 wünsche ich Euch Gesundheit (vor allem), Geduld (in Tonnen), Schokolade (mindestens genauso viel), Frohsinn und Zuversicht (unendlich) und Freude (trotzdem!) …

Herzlich, Sabine alias Lyrifant

Gedichtkrümel. Ein Krümelgedicht

mühsam klaube ich
Brosamen zusammen:
jeden Brösel, jeden Krümel

nur: so wird kein Brot

eine Krümelmuse gibt es nicht, die
vielleicht ein paar Musenkussbrösel
für mich übrig hätte

nicht einmal kleine Brötchen
kriege ich gebacken

vielleicht sollte ich mich endgültig
verkrümeln

Was so eine SWR2-Matinee zum Thema „Brot“ für lyrische Folgen haben kann …

Frage an einen Engel

was täte ich, wenn
ein freundlicher Engel
mir seine Flügel liehe?

erst würde ich
– völlig hilflos –
am Boden herumrudern, dann
– etwas zaghaft vielleicht –
in die Höhe flattern; und wenn
es mir tatsächlich gelänge,
mich in die Lüfte zu schwingen,
dann würde ich wohl bald
– im Sturzflug –
wieder zu Boden sausen; denn woher
sollte ich wissen, wie das geht:
fliegen?

ob der Engel wohl auch
so freundlich wäre, mir
Flugstunden zu geben?

Bratapfelglück

Bratapfelglück

man solle sich was Gutes tun:
also briet ich mir einen Apfel
mit Marzipan und Rumrosinen –
zimtzuckersüß

jetzt will ich euch was Gutes tun:
also dicht ich euch einen Apfel
aus Metrikspan mit Reimrosinen –
wortwundersüß

Habt einen schönen 2. Adventsabend!

Blogbeitrag

Erzähle deine Geschichte hier …
Welche Geschichte?
Dies ist ein Lyrik-Blog!
Dann: Schreib dein Gedicht hier nieder …
Welches Gedicht?
So einfach geht das nicht!
Dazu brauch ich erstmal eine Geschichte!
Dann erzähl deine Geschichte hier …
Nein, ich will hier keine Geschichte erzählen,
ich will nur ein Gedicht schreiben!
Dann schreib halt dein Gedicht hier nieder …
So einfach geht das nicht!
Dazu brauch ich erstmal eine Geschichte!

polyphone gedichte (schlicht extemporiert)

(1)
mono ton nie
klang farben reich
takt los
halb ton, halb licht
inter mezzo con spirito
pan tonal total
chrom a tisch
polyp honig süß

(2)
meer als geräusch, meer als gerausch:
meerstimmig, meersinnig –
ein rausch

(3)
poesie im akkord: ein thema, zwei saiten
lyrik im kanon, gegen den kammerton:
ah! ein fliehendes wort auf der stimmgabel –
horch, wie es den vers
durchtönt!

(da capo al fine)

Minischwein*

zwischen Minirock und Miniserie
nun auch: das Minischwein,
des Minischweins, die Minischweine –
wer hat’s gesehen: nur ich alleine?

dabei: das Minischwein, es findet sich
ganz gerne unter großen Tieren:
wer walbeobachtet, kann ihrer viele sehen,
in Elefantenrunden ist’s ein willkomm’ner Gast

nur ein Problem hat dieses Minitier:
dass oft die vielen Riesenschweine
die Sicht auf es verstellen – wie gemeine!

*Neu aufgenommene Wörter bei Duden online (gesehen heute, am 30.9.2021)