Lyrifants Ei. Eine Osterspielerei

ein Ei,
wie aus dem Ei gepellt,
gleicht keinem Ei
wie ein Ei dem anderen

ein Ei,
das klüger sein will als die Henne
(und uns damit auf die Eier geht),
wird behandelt wie ein rohes Ei

ein Ei,
das stets das Gelbe sucht vom Ei
und doch nur ungelegte Eier findet,
eiert rum – für ’nen Appel und ’n Ei

Ei, Ei, Ei! ruft Lyrifant,
was soll dies Lied?
Wo steckt’s denn nun,
das Ei des Kolumbus?

Mit diesen launigen Verslein wünsche ich allen meinen Blog-Begleiter*innen ein frohes Osterfest. Habt sonnige Tage, vergesst für ein paar Stunden, was uns alle bedrückt, und kommt gut (und mit Humor) durch diese schwere Zeit!

Von Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen (5)

Kapitel 5: Ein Grundgesetz für ein harmonisches Zusammenleben mit Wechselpelzen

Wir Besondere Pelzwesen geben die Hoffnung auf ein echtes harmonisches Zusammenleben mit den Wechselpelzen nicht auf: Die Mauer respektive der Elektrozaun zwischen Wechselpelz und Besonderem Pelzwesen muss weg! Für uns bedeutet jedoch Harmonie nicht Koexistenz in getrennten Lebensbereichen (was überdies nur einer Duldung unserer Spezies in den uns von den Wechselpelzen zugewiesenen Reservaten gleichkäme), sondern eine wirklich solidarische und von gegenseitiger Achtung gekennzeichnete Gemeinschaft. In diesem Sinne geben wir hiermit einen Entwurf für die ersten drei Artikel bekannt, die nach unserem Dafürhalten in einem Grundgesetz für ein harmonisches Zusammenleben von Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen keineswegs fehlen dürfen:

[Diese Zeichnung mit dem – leider stark verwitterten – Bärentatzenwappen des Obersten Bärenministeriums für Beziehungen zu anderen Lebensformen in der Ahornblatt-Spitze ist von unschätzbarem Wert. Es handelt sich um eine der wenigen doppelten Ahornblatt-Frottagen, die sich in ausgemalten Bärenhöhlen überhaupt finden.
Der Grundgesetzentwurf hat übrigens einen eigenen Platz in der Höhle: Er befindet sich in einer separaten, nach Osten ausgerichteten Nische, in die von oben besonders viel Licht fällt].

§ 1

Die Würde von Wechselpelz und Besonderem Pelzwesen ist unantastbar. Diese Würde ist gegenseitig zu respektieren. Sie schließt folgende Rechte ein: das Recht auf freie Brumm- und sonstige Lautäußerung, das Recht auf freie Unglaubens- und Glaubensausübung sowie das Recht auf Gleichheit aller Lebewesen vor dem Gesetz.

§ 2

Die aus dem Pelzwesen-Ehrenkodex und den Wechselpelz-„Menschenrechten“ zusammengeführte „Charta pellicea“ hat für Wechselpelze und Besondere Pelzwesen gleich verbindliche Gültigkeit und ist daher von allen betroffenen Lebewesen nach bester Lieb und Treu* einzuhalten.

* Anm. des Übersetzers: Das ist eine feste altbärische Sprachformel, die deutlich macht, dass Bären die Liebe über alle anderen Werte stellen.

§ 3

Die Vorräte der Wechselpelze und der Besonderen Pelzwesen sind friedlich und gerecht miteinander zu teilen, aber auch zu schützen. Jedes Lebewesen hat das Recht auf freien Vorratszugang, aber auch die Pflicht zu einem verantwortlichen Umgang mit den Vorräten unseres Großen Erd-Pelzwesens.*

* Anm. des Übersetzers: Was für Menschen einfach nur die Mutter Erde ist, denken sich Bären als ein ‚Großes Erd-Pelzwesen‘, das väterliche, mütterliche und kindliche Eigenschaften in sich fasst.

Vancouver Island,
erstmals gegeben zu Beginn des Anthropozän,
letztmals aktualisiert im zweiten Monat der Winterruhe
[= im menschlichen Kalender: November] 2007
herausgegeben vom
Obersten Ministerium für Beziehungen zu anderen Lebensformen

 

So, und inzwischen gibt’s das natürlich auch als Büchlein.

 

Von Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen (4)

Kapitel 4: Regeln für die konfliktfreie Begegnung mit Wechselpelzen

Generell muss ein Besonderes Pelzwesen davon ausgehen, dass Wechselpelze nicht über die intellektuellen Fähigkeiten verfügen, die Besonderen Pelzwesen (oder überhaupt Pelzwesen) zu verstehen. Da Wechselpelze auch nicht brummen können, ist eine Verständigung nur sehr mühsam möglich. Immer wieder kommt es zu Missverständnissen: Neugierig-freundliche Annäherung wird als bösartig-feindlicher Angriff interpretiert. Daher ist im Umgang mit dieser unterentwickelten Spezies besonderes Feingefühl angebracht.

Regel Nr. 1: Stürme niemals in einem Anflug von Begeisterung auf einen Wechselpelz zu, um ihm deine Freundschaft anzutragen. Wahre immer – auch wenn es dir schwerfällt und es unseren Ehrenkodex-Grundsätzen zutiefst widerspricht – den von einem Wechselpelz so bitter benötigten Abstand. Lass einem Wechselpelz genügend Raum, denn er repräsentiert eine biologische Entwicklungsstufe, der unsere Nähe noch nicht zu schätzen weiß.
[Die vom oberen Bildrand in das Bild hereinragende Kralle entspricht unserem menschlichen Zeigehändchen, Anm. der Herausgeber].

Regel Nr. 2: Unterlasse pelzwesen-spezifische Gebärden der Freundschaft und versuche niemals, einem Wechselpelz deinen starken Arm um seine schwache Schulter zu legen oder auch nur ihm die Tatze zu geben. Solche Gebärden werden als angriffslustige Übergriffe missverstanden, da nach Ansicht der Wechselpelze damit die Grenze zwischen „Tier“ und „Mensch“, wie sie es nennen, verletzt wird. Wechselpelze sind von geringer Intelligenz und vermögen es von daher nicht einzusehen, dass eine solche Grenze lediglich in ihrer Vorstellungswelt existiert.
[Die Bärentatze über dem Bild entspricht unserem menschlichen Verbotszeichen, Anm. der Herausgeber].

Regel Nr. 3: Vermeide direkten Blickkontakt mit dem Wechselpelz. Es irritiert den Wechselpelz, von einem Lebewesen direkt angeblickt zu werden, von dem er überdies überzeugt ist, dass es schlecht sieht. Geruchskontakt mit Wechselpelzen aufzunehmen ist ebenfalls zum Scheitern verurteilt, weil Wechselpelze nicht einmal auf geringe Distanz in der Lage sind, die Witterung von Besonderen Pelzwesen aufzunehmen.

Regel Nr. 4: Kehre niemals einem Wechselpelz den Rücken zu. Er interpretiert dies entweder als Desinteresse und wird wütend, was oft mit dem Griff zu einer Waffe verbunden ist, sofern er eine solche besitzt; oder er deutet dies als Schwäche und wird übermütig, was auch mit dem Griff zu einer Waffe verbunden sein kann. Waffen in Tatzen von Wechselpelzen sind jedoch sehr gefährlich und unbedingt zu vermeiden, denn waffentragende Wechselpelze sind unberechenbar und stellen ein großes Risiko für Besondere Pelzwesen dar (vgl. Kapitel 1, Absatz 3).

Regel Nr. 5: Sei besonders vorsichtig, wenn du einem Wechselpelzweibchen mit Wechselpelzwelpen begegnest (wobei sich inzwischen bisweilen auch Wechselpelzmännchen um den Nachwuchs kümmern). Sei um so vorsichtiger, je kleiner die Wechselpelzwelpen sind; ganz kleine Wechselpelze erkennst du daran, dass sie in speziellen vierrädrigen Gefährten transportiert werden. Wechselpelze können sehr aggressiv werden, wenn sie ihre Welpen in Gefahr glauben. Und sie glauben ihre Welpen sofort in Gefahr, wenn sich ihnen ein verspieltes Besonderes Pelzwesen nähert, auch wenn dieses Pelzwesen nur die Absicht hat, mit den Welpen ein bisschen zu schäkern. Wechselpelze wissen nicht, dass wir Besondere Pelzwesen den Wechselpelzwelpen niemals etwas zu Leide tun würden, da wir Lebewesen-Kinder gleich welcher Art über alles lieben.
[Der Teil der Höhle, in dem sich diese reizende Abbildung befindet, war uns leider schon nicht mehr zugänglich. Bei diesem Archivbild, das uns der freundliche Bärenkundler aus Vancouver zur Verfügung gestellt hat, ist die Verbotstatze etwas zu hell einretuschiert worden, Anm. der Herausgeber].

Regel Nr. 6: Nähere dich den essbaren Vorräten eines Wechselpelzes immer so, dass der Wechselpelz davon nichts bemerkt. Achte darauf, dass er den Verlust seiner Vorräte erst dann entdeckt, wenn du für ihn außer Reichweite bist. Wenn du zufällig Zeuge davon wirst, dass ein Wechselpelz unachtsam mit seinem „bärensicheren Mülleimer“ oder seinem „bärensicheren Grill“ umgeht (vgl. Kapitel 3, Absatz 2 und 3), dann nutze sofort und ohne weitere Verzögerung die günstige Gelegenheit. Hüte dich aber davor, zu lange dabei zu verweilen.
[Neben der Zeigekralle ist hier übrigens ein Bärometer eingezeichnet. Es mag für uns Menschen wie eine altertümliche Sonnenuhr anmuten, ist aber ein hochentwickeltes Bärenzeitmessinstrument, Anm. der Herausgeber].

Nota bene:* Vergreife dich nie an essbaren Vorräten von wirklich bedürftigen Wechselpelzen. Das gebietet der Pelzwesen-Ehrenkodex. Nimm also nur von Wechselpelzen, deren Höhlen oder Wanderausstattung von einem gewissen Reichtum zeugen, was an Größe und Aufwand in der Herstellung dieser Dinge jeweils leicht abzulesen ist.

* Anm. des Übersetzers: Im Original ist dieser Einleitungssatz nicht auf Altbärisch, sondern auf Bärinisch formuliert, also in der Sprache der gebildeten Bären. Deshalb haben wir uns erlaubt, diese Phrase auf Latein, also in unserer menschlichen Gebildetensprache, wiederzugeben.

Von Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen (3)

Kapitel 3: Wechselpelz-Präventivmaßnahmen gegen Besondere Pelzwesen

Im Abschnitt über die „bedächtige Raumbildung“ deutet sich bereits an, dass Wechselpelze kein besonders großes Interesse an einer Kontaktaufnahme, geschweige denn an einer Kontaktpflege mit uns haben. Die bereits erwähnten Leitfäden sind daher auch voll von Rat­schlägen, die sämtlich ein und dasselbe Ziel haben, nämlich die Wechselpelze dazu zu bringen, eine persönliche Begegnung zwischen Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen überhaupt zu vermeiden. Dass solche Hetzschriften unter dem Titel „Living in Harmony [!] with Bears“ verbreitet werden, ist der pure Hohn. Denn mit der Empfehlung der Begegnungsvermeidung sind sämtliche Bemühungen um ein harmonisches Zusammenleben von Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen von vornherein, und zwar – man muss es leider sagen – einseitig von Seiten der Wechselpelze, unterlaufen. Führende Pelzwesen-Anwälte werden den Verdacht nicht los, dass das letzte Ziel dieser Schriften im völligen Ausschluss der Besonderen Pelzwesen aus der Gesellschaft der Wechselpelze besteht, womit die Grundrechte der Internationalen Pelzwesen-Gemeinschaft jedoch zutiefst verletzt würden.

In diesem Sinne haben findige Wechselpelze sogenannte Präventivmaßnahmen gegen uns entwickelt, die jedes Besondere Pelzwesen kennen muss:

1. Das „Bären-Glöckchen“: Diese Maßnahme wird ausschließlich von Wander-Wechselpelzen zum Einsatz gebracht. Damit versuchen die Wechselpelze, uns ihre Präsenz in unserem Wald schon von Weitem anzukündigen, damit sie uns nicht erschrecken (denn sie fürchten nichts mehr als den Angriff eines aufgeschreckten „Bären“). Was in den Augen der Wechselpelze nach höflicher Rücksichtnahme aussieht, ist in den feinsinnigen Ohren der Besonderen Pelzwesen eher eine Waldesruhestörung, und abgesehen davon ist dieses kindische Gebahren auch völlig überflüssig, da der Wechselpelz aufgrund seines penetranten Geruchs schon aus weiter Ferne von unseren (nicht einmal besonders feinen) Spürnasen aufgenommen werden kann.

2. Der „bärensichere Mülleimer“: Diese Maßnahme wird sowohl von den Höhlen- wie von den Wander-Wechselpelzen genutzt. Die Wechselpelze rechtfertigen diese gemeine Erfindung als eine reine Schutzmaßnahme. Doch für uns handelt es sich um einen massiven Verstoß gegen das Gesetz des freien Ressourcen-Zugangs für alle Lebewesen. Die den Wechselpelzen allerdings angeborene Vergesslichkeit, gepaart mit einer anerzogenen Nachlässigkeit, mit der sie (wie sie es nennen) „cool“ wirken wollen, verschafft uns immer wieder die Gelegenheit, den „bärensicheren Mülleimer“ zu knacken.

3. Der „bärensichere Grill“: Diese Maßnahme hat viel Ähnlichkeit mit dem „bärensicheren Mülleimer“, kommt aber vor allem in der Nähe der Höhlen zum Einsatz, wie auch gelegentlich an Wanderwegen, wo sich Wechselpelze gerne feste Futterstationen einrichten. Es gilt das unter Punkt 2 zum „bärensicheren Mülleimer“ Gesagte entsprechend.
[Offenbar ist der Maler beim Zeichnen des bärensicheren Grills gestört worden; denn dies ist die einzige Höhlenzeichnung, die leider unvollendet geblieben ist, Anm. der Herausgeber].

4. Die „Bärenfalle“: Über diese perfide Gemeinheit, die Angelegenheit des Internationalen Pelzwesenrechte-Gerichtshofes sein sollte, soll hier kein weiteres Wort verloren werden (siehe unsere Ahornblatt-Broschüre „Fallen und wie man sie umgehen kann“).
[Dieses hier zuletzt erwähnte wertvolle Dokument war und ist für uns leider unauffindbar, Anm. der Herausgeber].

Von Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen (2)

Kapitel 2: Das Verhalten von Wechselpelzen bei Begegnungen mit Besonderen Pelzwesen

Wechselpelze legen merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag, wenn sie uns Besonderen Pelzwesen (sie nennen uns übrigens einfach nur „Bären“) begegnen. Diese höchst seltsamen Verhaltensweisen gilt es richtig zu deuten:

1. Die Starre: Beim Anblick eines Besonderen Pelzwesens bleiben Wechselpelze gern wie angewurzelt stehen. Sie verfallen in eine Art Schock- oder gar Totenstarre, die bei einem Teil der Exemplare durch lähmende Angst bedingt, bei dem anderen Teil auf Empfehlung von angeblich erfahrenen Pelzwesen-Forschern hin antrainiert ist. Offenbar glauben diese vermeintlich „bärenkundigen“ Wechselpelze (wie sie in der Wechselpelzsprache heißen), dass sie, solange sie unbeweglich sind, von uns Besonderen Pelzwesen nicht wahrgenommen werden können. Das ist natürlich ein schwerwiegender Irrtum und zeigt einmal mehr, dass sich Wechselpelze in der Fauna nicht gut auskennen. Sie scheinen uns hier mit Schlangen zu verwechseln. Was sie außerdem nicht wissen: Die Ausdünstungen eines stehenden, noch dazu sich ängstigenden Lebewesens stechen noch viel prägnanter in die Nase als die eines sich bewegenden Wesens – abgesehen davon, dass jede Form von Totenstarre unser mitleidiges Interesse weckt.

2. Der Schrei: Obwohl von erfahrenen Pelzwesen-Forschern immer wieder als unsinniges Verhalten gebrandmarkt, reagieren einige Wechselpelze beim Anblick eines Besonderen Pelzwesens mit undefinierbaren, mal ohrenbetäubenden und durchdringenden, mal kurzen und spitzen Lautäußerungen. Die ältere Wechselpelz-Forschung deutete diese Äußerungen als Ausdruck von Angst. In der neueren Wechselpelz-Forschung geht man jedoch davon aus, dass dabei auch das Motiv der Futterplatzverteidigung eine gewichtige Rolle spielt, auch wenn zugegeben werden muss, dass dieses Ziel mit einem solchen Verhalten niemals erfolgreich erreicht werden kann.

3. Die wilde Geste: Manche Wechselpelze gestikulieren in dieser Situation auch wild um sich. Sie greifen dabei auf eine hoffnungslos veraltete Gebärdensprache zurück, die in der modernen Fauna kaum noch verstanden wird. Führenden Wechselpelz-Forschern ist es allerdings gelungen, einen Teil der wilden Gesten in ihrer Bedeutung zu entschlüsseln:

Man kann drei grundlegende Typen von wilden Gesten unterscheiden:

a) die ängstliche „Ich bin völlig unschuldig“-Geste: Dabei kauert sich der Wechselpelz auf den Boden und presst seinen Kopf zwischen seine beiden Vorderläufe.

b) die abwehrende „Ich will mit Besonderen Pelzwesen nichts zu tun haben“-Geste: Dabei biegt der Wechselpelz seinen Oberkörper nach hinten zur Seite, stützt den einen Vorderlauf mit abgespreizten Klauen in seine Hüfte und wedelt mit dem anderen Vorderlauf vor seinem Körper abwehrend hin und her.

c) die überhebliche „Hier bin ich aber der Chef“-Geste:  Dabei wölbt der Wechselpelz seine Brust nach vorne und stemmt seine beiden Vorderläufe in seine Hüfte.

Mit allen drei Gesten verspielen sich die ahnungslosen Wechselpelze unsere Sympathie: Die erste Geste ist ein Zeichen von Unwissenheit (denn man hält uns offenbar für böse und gefährliche Wesen). Die zweite Geste ist einen Zeichen von Desinteresse (denn man ist nicht bereit, sich auf uns einzulassen). Und die dritte Geste ist ein Zeichen der Arroganz, aber auch der Ignoranz gegenüber den wahren Verhältnissen in der Hierarchie der Fauna.

4. Die Flucht: Nur wenige Wechselpelze haben den Mut zur Flucht, was natürlich für sie auch gefährlich ist, da jede Form von Flucht-Verhalten bei uns Besonderen Pelzwesen den Reflex zur Verfolgung auslöst. Da Wechselpelze nicht besonders schnell sind und auch nicht gut klettern können, sind es in der Regel die dümmsten Wechselpelze, die sich für dieses Verhalten entscheiden (so dass wir Besondere Pelzwesen von einer näheren Kontaktaufnahme absehen und es bei einer angetäuschten Verfolgung belassen sollten).

5. Die bedächtige Raumbildung: Wechselpelze, die glauben, uns Besondere Pelzwesen gut zu kennen, verfassen Leitfäden über den angeblich richtigen Umgang mit uns. Sie empfehlen nachdrücklich die „bedächtige Raumbildung“, d.h. sie raten dazu, mit großer Ruhe und ohne Hast Raum zwischen sich und uns zu schaffen, was nichts anderes heißt als auf Abstand zu uns zu gehen. Unseres Erachtens handelt es sich bei diesem Verhalten um eine kontrollierte Form der Flucht.
Was dabei nicht bedacht wird, ist die Beleidigung, die ein solches Verhalten gegenüber uns Besonderen Pelzwesen evoziert. Abstand nehmen ist die schwerwiegendste Missachtung einer Besonderen Pelzwesen-Person, derer man sich nach dem Großen Pelzwesen-Ehrenkodex schuldig machen kann. Aber das können die selbsternannten „bärenkundigen“ Wechselpelze selbstverständlich nicht wissen; und den völlig unkundigen Wechselpelzen, die sich an die Ratschläge ihrer vermeintlich „bärenkundigen“ Mitlebewesen halten, kann man erst recht keinen Vorwurf machen. Deshalb sehen wir in solchen Situationen in der Regel, obgleich zutiefst in unserer Ehre gekränkt, großzügig über diese Ungezogenheit hinweg und trollen uns. Dies wird wiederum auf der Seite der vermeintlich „bärenkundigen“ Wechselpelze als Beleg dafür gewertet, dass sie mit ihren Theorien und Empfehlungen Recht haben – welch ein Irrtum! Dabei gebietet es lediglich unser Großer Pelzwesen-Ehrenkodex, auf weniger entwickelte Lebensformen Rücksicht zu nehmen.

Von Wechselpelzen und Besonderen Pelzwesen (1)

Zu Jahresbeginn (und als Beiträge 998-1002 [!] auf meinem Blog) möchte Lyrifant Euch eine kleine Geschichte schenken – eine Geschichte in fünf Kapiteln für kleine und große Kindsköpfe, so wie Lyrifant selbst einer ist. Entstanden ist diese Geschichte bereits vor einigen Jahren. Jetzt habe ich sie nochmals überarbeitet und endlich illustriert.

Zum Geleit

Auf unseren Kanada-Reisen haben wir eine Form von Lektüre immer sehr genossen: die Ratgeber, wie man sich im Falle der Begegnung mit Bären verhalten solle und die so schöne Namen tragen wie „Living in Harmony with Bears“. Leider konnten wir die guten Ratschläge bisher nie zur Anwendung bringen, weil sich die Bären vor uns immer erfolgreich versteckt hielten. Dafür haben wir aber bei einem unserer Höhlenbesuche auf Vancouver Island eine Entdeckung gemacht, die von unschätzbarem Wert ist für Menschen, die an einem friedlichen Zusammenleben von Bär und Mensch wirklich interessiert sind. Diese schwer zugängliche Höhle – leider haben wir sie danach nie mehr wieder gefunden – enthält frühbärenzeitliche Höhlenmalereien, die wir bei unserem ersten und einzigen Besuch zum Glück fotografisch festgehalten haben. Bärenkunstgeschichtlich sind die Zeichnungen nicht gerade Meisterwerke, offenbar dienten die raschen Skizzen nur als Gedächtnisstütze für das Geschriebene. Denn neben diesen Bildern findet sich – und das ist die eigentliche Sensation – ein recht umfangreicher Beitext auf Altbärisch, der in schwer entzifferbaren Bärenrunen in die Höhlenwände eingeritzt ist. Dank der großzügigen Unterstützung eines versierten Bärenkundlers aus Vancouver, der hier – bescheiden, wie er ist – leider nicht genannt werden will, ist es uns gelungen, den Inhalt dieser Runen zu entziffern und in menschliche Sprache zu übersetzen.

Ein Leben in Frieden mit Wechselpelzen*

* Anmerkung des Übersetzers: Bären nennen uns Menschen Wechselpelze, sich selbst jedoch – je nach Art – Braun-, Schwarz- bzw. Weißpelze. Als Oberbegriff bevorzugen die Bären allerdings die Bezeichnung Besondere Pelzwesen, da sie der unumstürzlichen Überzeugung sind, die Krone aller bepelzten Lebewesen zu sein (und zu diesen ‚bepelzten‘ Lebewesen zählen sie offenbar auch uns Menschen).

Kapitel 1: Kleine Wechselpelz-Kunde

Voraussetzung für ein harmonisches Auskommen mit den Wechselpelzen ist Wissen: Wissen über ihr Vorkommen, ihr Verhalten und ihr Selbstverständnis. Deshalb steht am Beginn dieser Schrift eine kleine Wechselpelz-Kunde. Wechselpelze, die sich selbst übrigens „Menschen“ nennen, womit sie sich gegenüber den „Tieren“, wie sie alle anderen Lebewesen abwertend bezeichnen, abgrenzen wollen, begegnen uns Besonderen Pelzwesen vornehmlich in drei verschiedenen Arten:

1. Der Höhlen-Wechselpelz: Der Höhlen-Wechselpelz siedelt in Städten und kleineren Ortschaften in sogenannten Block-Höhlen oder auch mehrstöckigen Haus-Höhlen, die er sich – bisweilen mit großem Aufwand – selbst gebaut hat. Sein bevorzugtes Fortbewegungsmittel bilden vierrädrige Blechkonserven; aber auch zweirädrige Gestelle werden von ihm zu diesem Zweck benutzt. Dass er mit seinem Lebensstil Wald, Feld und Flur schadet, kümmert ihn wenig. Der Höhlen-Wechselpelz legt gewaltige Vorratsdepots an, wobei seine immense Sammelleidenschaft nicht nur dem Ess- und Trinkbaren gilt, sondern auch unnötigerweise nicht-essbare Dinge umfasst. Merkwürdig ist auch, dass der Höhlen-Wechselpelz für einen Teil seiner essbaren Vorräte offenbar schon bald selbst keine Verwendung mehr hat und diese – statt sie in offenen Eimern der übrigen Pelzwelt frei zur Verfügung zu stellen – in Panzerschränken wegschließt und ganz stolz darauf ist, uns damit von der Teilhabe an diesen Ressourcen ausgeschlossen zu haben. Eine besondere Vorliebe, insbesondere zur Sommerzeit, haben die Höhlen-Wechselpelze für das Feuermachen vor der eigenen Höhle. Dabei werden gewürzte Fleischstücke über das Feuer gehalten und in unkenntliche, aber auch für uns Besondere Pelzwesen schmackhafte Brocken verwandelt (sie selbst nennen diesen Vorgang „Grillen“).

2. Der Wander-Wechselpelz: Der Wander-Wechselpelz ist eine nur zeitweise existierende Variante des Höhlen-Wechselpelzes. Er begegnet uns vorrangig in unserem eigenen Revier, dem Wald. Ein Meisterwerk der Statik ist es, dass es dem Wechselpelz gelingt, sich dabei lediglich auf seinen beiden Hinterläufen fortzubewegen, allerdings den einen Vorderlauf in der Regel auf einen Stock oder Ast gestützt. Mit sich trägt der Wander-Wechselpelz meist noch einen Rückenbeutel, der nicht angewachsen ist und in unterschiedlichen Größen vorkommen kann. Der Rückenbeutel enthält in der Regel Ess- und Trinkbares, aber auch bunte Pelzteile zum Wechseln, wobei das Material dieser Pelzteile unsere Kriterien für einen guten Pelz nicht immer zu erfüllen vermag. [Anm. der Herausgeber: An den noch erhaltenen Farbpigmenten kann man deutlich erkennen, dass die Höhlenmalereien ursprünglich sehr sorgfältig und liebevoll koloriert waren].

3. Der Waffen-Wechselpelz: Am gefährlichsten für uns Besondere Pelzwesen ist der Waffen-Wechselpelz, eine äußerst unangenehme, weil scharf-schießende Unterart des Wechselpelzes. Erkennbar ist der Waffen-Wechselpelz, wie sein Name schon sagt, an seiner Waffe, die meist die Form eines Gewehrs hat. Dabei gilt es zwei Gruppen zu unterscheiden: Harmloser sind die sogenannten „Wildhüter“-Wechselpelze (ja, so nennen sie sich, als ob Wild gehütet werden müsste). Harmloser sind sie, weil sie nicht immer scharfe Geschütze verwenden, aber sie können uns Besondere Pelzwesen immerhin in den Tiefschlaf schießen. Gefährlicher sind die sogenannten „Jäger“-Wechselpelze, die uns Besondere Pelzwesen ernsthaft an den Kragen wollen. Die Grenzen zwischen beiden Arten ist bisweilen fließend, wie jüngst wieder das traurige Schicksal des italienischen Kollegen im bayerisch-österreichichen Grenzgebiet bewiesen hat.

Teddybär mit Schleife

Heute im Sonderangebot:
Teddybär mit Schleife
(mein Beitrag zu Nikolaus)

Zu tausenden liegt er nun aus –
es ist Nikolaus: der Bär muss raus.
Einer sieht wie der andere aus,
doch wenn er einzieht in dein Haus,
dann wird er – unversehens und kurzum
und unter bärigem Gebrumm –
zu einem Individuum
mit eigener Bärsönlichkeit
in seiner Menschenähnlichkeit.
Sogleich gehört er ganz zu dir:
Er wird dein Lieblingskuscheltier.

und nein, ich habe ihn nicht gekauft, sondern habe ihn ganz schmählich seinem Massen-Dasein überlassen – wie schofel von mir!

Vrouwenlob

ein bescheidenes geblümtes Lob für einen Meister-Blümer zum 701. Todestag

Vergessdeinicht:
Rosen-röselechter Wort-
Orchideenzüchter, du!
Ulme, hochgewachsen, unter
Walnussbäumen, jung zwischen alten
Eichen.
Nelken, nelkenrot, und
Lilien, lilienweiß – dazu eine kleine
Olive – leg ich dir aufs Grab, ich kleines
Buschwindröschen

 

Vor einem Jahr hat mich Meister Frauenlob alias Heinrich von Meißen sehr in Atem gehalten. Damals war mein Lob adäquater als heute – sorry, Meister, aber ich bin einfach nur müde (aber nicht frauenlob-müde, keinesfalls!).

Ein Gedicht entsteht (in Sketchnotes)

Eine Freundin von mir, die immer gern viel ausprobiert, erzählte mir auf unserer kleinen Bahnfahrt von ihren Erfahrungen und Fortschritten in „Sketchnoting“. Mein Auge und mein Herz waren sofort angesprochen, aber mein Kopf war skeptisch: Komplexe Gedanken in Bildchen? Geht das? Aber es hat in mir weitergearbeitet, über Nacht und Tag … und so entstand mein erstes Gedicht – falls man es überhaupt Gedicht nennen kann – in Sketchnotes (das mit Sicherheit noch nicht den Regeln des Sketchnoting entspricht – außer der, dass man nicht zeichnen können muss, hihi!).