die Leinen los!

die Leinen los! schon löst sich das Schiff
vom festen Ufer, ich löse mein Haar und
überlasse mich dem Wind, dem Kurs
auf Neuland, der Strömung
des trägen Flusses –
die Leinen los! des Lebens Rätsel löse
ich so nicht, aber gelöst blicke ich
in das Schaukeln der Wellen wie
der Sonne und überlasse mich
dem sanften Wasser –
und lasse
die Leinen los

Schilfzauber

Neuer See / Falkenhagener See

preis gibt
sein Geheimnis
nicht
das Schilf

raunt es auch
tausendstimmig dir zu:
nie wird es nennen dir
den Zauberspruch

und doch glaubst du dich
nur einen Haubentaucherflügelschlag
entfernt vom
Glück

vielleicht
findest du es
in den Abzählreimen der Jungblässhühner
oder in den Liebesversen der Libellenpaare

vielleicht
hat das Glück aber auch
die Gestalt einer sonnenbadenden
Sumpfschildkröte, wie sie
nur vom Wasser aus
zu sehen ist

fangVerse (17) – abendBlatt

dunkelt Abend über Blatt und Land / taucht /
aus blauem Dunst / nur / diese eine Frage /
die ein jedes Lied / sich fragt / die Frage /
der Fragen / die ein jedes Wort / sich /
fragt / und dich und mich

willst du sie wissen / fang / ein Blatt / und warte /
ab / bis / funkelt Abend über Blatt und Land /
bis / haucht / aus blauem Dunst /
der letzte Vers / die Frage /
der Fragen

Dies ist mein letzter Fang. Alles begann mit einem ganz harmlosen Gedicht zu Jahresbeginn und Ules Frage dazu. Auf einen (ganz anderen) Impuls von Ule hin entstand dann schon bald ein erster Text.  Da erkannte ich recht unmittelbar das Potential zu Mehr – wenn das nicht eine zündende Idee für einen poetologisch ausgerichteten Gedichtzyklus war! Nach den ersten (eher improvisierten) Texten kristallisierte sich in meinem Kopf bald das Bild von einem Netz an möglichen Verflechtungen heraus – und damit war die Leitschnur für die Architektur des fangVerse-Zyklus geboren. So entstanden in rascher Folge nun diese 17 fangVerse – und heute, zum 17., seien sie zu einem Ende geführt.

fangVerse (15) – mondBlatt

schmeck den Geschmack von jener Welt / die monden ist /
du Blatt / und vergiss / vergiss / denn nun mondest du /
du Blatt / vom Mond gemondet /
monden / mein Wort

schmeck den Geschmack von jener Welt / die worten ist /
du Mond / und vergiss / vergiss / denn nun wortest du /
du Mond / vom Wort gewortet /
worten / mein Blatt

fangVerse (14) – blattStaub

schreib Erde zu Erde / sag ich zur Zeit / schreib /
Asche zu Asche / schreib Staub zu Staub /
bestäube mein Blatt / mit Worten erlesen /
meine Zeit ist gewesen / sagt das Blatt /
Blätter verwesen / das Wort ist gelesen /
Zeit / sagt das Wort / ist das Wesen /
von Poesie / und verstaubt

fangVerse (13) – nieselBlatt

Nieselgrieselrieselfäden
schnüren / über das Blatt / flink wie Wiesel /
rau wie Kiesel / graupeln sie an ihm herab /
verwischen die Schrift mit ihrem Kritzelstift /
vermischen sie mit ihrem Schnürlpieselgift /
verzischen in Krisendrift / frischen auf

das Blatt erzittert / zerknittert / zerfleddert /
verwittert das Wort / und ich /
verbittert / verheddert

fangVerse (11) – wolkenBlatt

aus allen Wolken / fällt ein Wölkchen /
licht / umwölkt / mein weißes Blatt /
mit einem blauen Wolkenband

auf allen Wolken / schwebt mein Blatt /
leicht / blaut / weiße Verse /
auf eine schwarze Wolkenwand

in allen Wolken / mit Herz und Kopf /
wolkig / ziehen meine Verse / licht und leicht /
über blauen Himmel / wolkenlos