Überleben V

Noch immer arbeitet Primo Levis „Die Untergegangenen und die Geretteten“ in mir – und der Bezug zu heute.

Das Meer heute dürfte
einer ähnlichen Logik folgen
wie damals die Lager:
Wer das Meer überlebt,
hat seinen Grund nicht berührt.

Die Logik des Meeres dürfte
ähnlich unerbittlich sein:
Wer das Meer überlebt,
ist nicht untergegangen –
aber ist er gerettet?

Advertisements

Überleben III

Unter dem Eindruck des Kapitels „Gemeinplätze“ aus dem Buch „Die Untergegangenen und die Geretteten“ von Primo Levi.

Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht ausgebrochen?
Wer seine ganze Energie
für das Überleben braucht,
hat keine Kraft
für einen Ausbruch.

Fragt nicht: Warum
habt ihr nicht revoltiert?
Wer seine ganze Hoffnung
in das Überleben setzt,
hat kein Vertrauen
in eine Revolte.

Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht vorher geflohen?
Wer seinen ganzen Glauben
der Menschlichkeit schenkt,
sieht – um zu überleben – keinen Grund
für eine Flucht.

Fragt lieber: Warum?

 

Überleben II

Ihre Augen lassen mich nicht los: „Gegen das Vergessen“ (Fotoprojekt von Luigi Toscano).

Schau in ihren Blick: weit
hinter diesen Augen
noch immer
das unermessliche Grauen,
die Fragen, die noch immer gefragten,
die Klagen, die noch immer geklagten,
ein Leben lang

in ihren weiten Augen
noch immer
Fassungslosigkeit im steten Ringen um Fassung,
Scham und Angst und Schuld und der Zweifel,
ob es überhaupt Glück war, dem Tod entronnen zu sein,
ein langes Leben lang

Überleben I

Unter dem Eindruck des Projekts von Luigi Toscano „Gegen das Vergessen“.

Wer den Holocaust überlebt hat,
der müsste – so denkst du – ewig leben.
Doch sie werden sterben, wenn sie
nicht schon gestorben sind.

Wer den Holocaust überlebt hat,
wie kann, wie konnte – so fragst du – der weiter leben?
Sie lebten und leben, auch wenn
ihnen das Leben schon gestorben ist.

Wer den Holocaust überlebt hat,
der überlebt – so hoffst du – das Leben und den Tod.
Sie überleben in unserer Erinnerung.
Sie überleben unser Vergessen.