#frapalymo 3-nov-16: heimlich

Der dritte Impuls  – „heimlich“ – setzt den zweiten – „unheimlich“ –  fort, und so setzt auch dieses Gedicht mein letztes fort…

heimlich
das Fremde heimlich machen

heimlich
Fremde heimisch werden lassen

heimlich
die Fremde anheimelnd-heimelig gestalten

unheimlich?

#frapalymo 2-nov-16: unheimlich

Der zweite Impuls „unheimlich“ ist der Auftakt zu einem Doppelimpuls, der mit „heimlich“ fortgesetzt wird: Dieses Wort setzt natürlich vielfältige Assoziationen frei, ich bin am Wort geblieben: un-heim-lich.

unheimlich
ist mir dort, wo
in aller Unheimlichkeit
Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten,
ein Heim verweigert wird,
dort, wo sie
in aller Heimlichkeit
in die Unheimischheit verbannt oder
dorthin abgeschoben werden, was
man wohl Unheimat zu nennen hat,
dort ist mir
unheimlich

Gastfeindschaft

Wo aus einem „Willkommen!“
ein „Willgehen“, will heißen:
ein „Ich will, dass sie gehen“ wird.

Wo man statt freundlich „Herein!“
feindselig „Raus!“ ruft.

Wo der Einladung
schon bald die Ausweisung folgt.

Wo man den herzlichen Empfang
zu einer herzlosen Gefangennahme machen will.

Wo man statt eines Obdachs
eins auf’s Dach bekommt.

Wo man statt einer Herberge
nur ein „Hinweg!“ findet.

Wo sich die Begrüßung
in eine Verabschiedung,
in eine Verabschiebung verkehrt.

Dort ist nicht „Die Welt
zu Gast bei Freunden“.
Dort sind arme Menschen
Fremde unter Feinden.

Geschlossene Gesellschaft

„Geschlossene Gesellschaft!“
Ja, wir feiern Party, unentwegt.
Aber ihr seid nicht eingeladen.
Denn wir wollen unseren Kuchen mit niemandem teilen,
schon gar nicht mit euch.

„Bitte nicht stören!“
Ja, wir wollen unter uns bleiben.
Wir wollen ganz ungestört unseren dreckigen Geschäften nachgehen,
und wir verdienen am meisten an euch,
wenn ihr draußen bleibt.

„Wir müssen draußen bleiben.“
Hier ist kein Raum für Humanität.

Fünfzig Gründe

Mindestens fünfzig Gründe
kann ich dir nennen,
die dagegen sprechen,
die Heimat zu verlassen.

Die Mutter.
Der Vater.
Die Schwester.
Der Bruder.
Der Mann. Die Frau.
Das Kind. Die Kinder.
Die Enkel.
Die Ahnen.
Die Freunde.
Die Menschen.

Der Berg. Das Tal.
Die Steppe. Die Wüste.
Der See. Das Meer. Der Fluss.
Der Stein.
Der Baum. Der Strauch.
Die Tiere. Die Vögel.
Die Erde unter deinen Füßen.
Der Himmel über dir.
Die Sonne. Die Wolken.
Der Wind in deinem Haar.

Die Stadt. Das Dorf.
Die Straße. Der Weg.
Die alte Brücke.
Die neue Schule.
Das Haus.
Der Hof. Der Garten.
Der Tisch. Das Bett.
Das alte Bild.
Der Blick durch die Tür.
Der Blick aus dem Fenster.

Die Sprache.
Die Küche.
Die Lieder.
Die Tänze.
Die alten Geschichten.
Die alten Bräuche.
Die vertrauten Kleider.
Die vertrauten Gesten.
Das gemeinsame Lachen.
Das gemeinsame Weinen.

Die Erinnerung.
Die Hoffnung.
Der Glaube.
Die Liebe.
Die Verantwortung.
Das Schuldgefühl.
Die Trauer.
Die Angst.
Die Ohnmacht.
Das Heimweh.

Wie groß muss das Leid sein,
wenn man trotz dieser guten Gründe
sein Land verlässt,
wenn man trotzdem flieht?