gegen das vergessen

Dieses Gedicht ist ein Beitrag zu der von Sylvia Kling initiierten Aktion „Gegen das Vergessen“.

gegen das vergessen: erinnern –
erinnern an die geschichten der geschichte,
die wir in unserem innern lieber verborgen halten,
inne werden dessen, was wir ausschließen,
inne werden derer, die draußen sind.

gegen das vergessen: gedenken –
gedenken der geschichten der geschichte,
an die wir nicht denken wollen,
denken an das, was ungedacht ist,
denken an die, die unbedacht sind.

gegen das vergessen: erzählen –
die geschichten der geschichte erzählen,
die wir lieber nicht zu unserer geschichte zählen,
sie unseren kindern immer wieder erzählen,
damit sie sie ihren kindern weiter- und weitererzählen.

gegen das vergessen: schreiben –
die geschichten der geschichte aufschreiben,
die noch immer ungeschrieben sind,
denen wir schon immer verschrieben sind,
damit sie sich unserem gedächtnis für immer einschreiben.

gegen das vergessen: handeln –
aus den geschichten der geschichte heute so handeln,
dass das, was gestern geschehen ist,
nicht heute,
nicht morgen,
nie mehr wieder geschieht.

Weitere Beiträge, die an dieser Aktion teilnehmen:

Luftwurzeln

Neue Wurzeln
wollte ich Dir geben
in meiner Erde.

Meine Erde aber hat
Deine Wurzeln
nicht aufgenommen.

Meine Erde hat dafür
meine Wurzeln
abgestoßen.

So hängen nun
Deine Wurzeln und
meine Wurzeln
in der Luft –
frei von Deiner Erde,
frei von meiner Erde.

So sind nun
Deine Wurzeln und
meine Wurzeln
Luftwurzeln,
die Halt finden,
indem sie einander umschlingen.

Inspiriert ist dieses Gedicht von der Bezeichnung „LuftwurzelLiteratur“, in die der sujet-Verlag die Exil-Literatur programmatisch umbenannt hat – ein Wort, das mich unmittelbar angesprungen hat, auch wenn es erst noch etwas in mir arbeiten musste, bis ich zu diesem Gedicht fand.

Die Letzten ihrer Art

Die Letzten ihrer Art
kamen zu uns
und suchten Schutz.

Sie waren wild.
Sie waren groß.
Sie waren stark.
Sie waren schön.
Sie waren jung.

Wir machten sie zahm.
Wir machten sie klein.
Wir machten sie schwach.
Wir machten sie hässlich.
Wir machten sie alt.

Wohin
können sie jetzt
noch ziehen?

In der Haut des Exils

Vor dreißig Jahren
bist Du hier her gekommen –
Deine nackte Haut
zu retten.

Seit dreißig Jahren
rücken sie Dir nun hier
auf den Pelz und
ziehen Dir Stück für Stück
das Fell ab.

Seit dreißig Jahren
setzen sie Dir nun hier
Laus um Laus
in Deinen Pelz,
den sie bereits unter sich aufgeteilt haben,
noch bevor sie Dir
das Fell
über die Ohren ziehen.

Seit dreißig Jahren
gehen sie Dir nun hier
unter die Haut –
unter Deine fremde Haut,
in die sie Dich
vor dreißig Jahren
gesteckt haben und
in der sie selbst
nie hätten stecken wollen.

Ein dickes Fell
hast Du für
Deine teuer verkaufte Haut
in den dreißig Jahren hier
nicht bekommen.
Nass ist Dein Pelz,
so oft ist er gewaschen worden.

Dünnhäutig,
exilhäutig
bist Du geworden
hier in diesen dreißig Jahren.

Wenn Du könntest,
würdest Du sofort
aus Deiner dünnen Haut
zu Dir nach Hause fahren.

Doch wer kann schon
aus der Haut des Exils?

30 Jahre Exil – (k)ein Grund zum Feiern?!
Doch ich danke Dir und dem Leben, dass ich über 28 Jahre davon gemeinsam mit Dir verbringen durfte, auch wenn es nicht immer leicht war und ist.

Dem Leben die Stirn

Mit dem Rücken
zu der Welt,
die Du zurück
lassen musstest und
in die Du vielleicht
nie wieder zurück
kehren wirst,
bietest Du
der Welt die Stirn,
die Dich am liebsten zurück
schicken will, aber
aus der Du vielleicht
nie wieder zurück
kommen wirst.

Mit dem Herzen
noch immer
in der Welt,
die Dir am Herzen lag und
die Dir nun
in ihrer Ferne
das Herz bricht,
stößt Du Dir den Kopf
an der Welt,
die mir am Herzen liegt und
die Dir nun
in ihrer Nähe
das Herz bricht.

Zwischen
Dort und Hier
hast Du Dich verloren:
ein Bein, ein Ohr
im Dort,
ein Bein, ein Ohr
im Hier.

Mit dem Rücken
zu den Träumen,
für die Du gelebt hast,
bietest Du
dem Leben die Stirn,
das kein Traum mehr ist.

Mit dem Herzen
noch immer
in dem Leben,
das Dein Traum war,
stößt Du Dir
den Kopf
an meinen Träumen,
die nun Dein Leben sind.

Zwischen
Einst und Jetzt
verliere ich Dich:
ein Auge, eine Hand
im Einst,
ein Auge, eine Hand
im Jetzt.

Körpergewissen

Sie kommen und suchen bei uns
gesenkten Hauptes Asyl.
Wir empfangen sie
am ausgestreckten Arm
und heißen sie
bei lebendigem Leib willkommen.
Wir weisen sie
alle Hände voll zurück,
sehenden Auges,
und sie kehren um,
mit offenem Mund und
den Rücken zur Wand,
sie gehen
stehenden Fußes, aber
aufrechten Ganges.

Mögen sie bald wiederkehren
und uns – diesmal
erhobenen Hauptes und
die Nase gestrichen voll –
unsere Schuld
unter die Haut schreiben,
bis über beide Ohren.
Und mögen uns ihre Schreie
mit Händen und Füßen heimsuchen
am ganzen Körper.

Lampedusa

nach Paul Celan

Schwarzes Meer der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens wir trinken dich zwischen Nacht und Tag
wir trinken und sinken
wir sinken und trinken
wir schöpfen ein Grab aus den Wassern
Sie hören die Möven uns hören sie nicht sie rufen
sie rufen „Zurück“ sie zählen
die dicken Fische
hinter den dicken Mauern aus Wasser
hinter den engen Wachen aus Stein
Nass ist
dein aschenes Haar du Mensch auf der Flucht
Tief sinkt
dein bleierner Leib der Tod ist ein Meister aus
Europa

Fremd sein

Durch den Fremden
das Fremde kennen lernen,
das für ihn Alltag ist.

Durch den Fremden
sich nach der Fremde sehnen,
die für ihn Heimat ist.

Durch den Fremden
das Fremdsein erfahren
plötzlich – im eigenen Land.

Durch den Fremden
lernen,
was fremd heißt
und
wie relativ das ist:
fremd sein.

Geschrieben im Oktober 1988, beim Aufräumen wiedergefunden

Du in meinem Land

In meinem Land
bist Du nur geduldet,
aber Geduld
mit Dir
hat keiner.

In meinem Land
nehmen sie wenig Anteil
an Dir und dem Krieg in Deinem Land,
von dem sie doch
ihren fetten Anteil bekommen.

In meinem Land
versuchen sie
Dein Leid noch zu vergrößern,
aber leiden
können sie Dich nicht.

In meinem Land
fordern sie Verständnis
von einem,
den sie selbst
zu verstehen nicht bereit sind.

Eines Tages, wenn Du mein Land verlässt
und mich,
werde ich mich fragen:
Hab ich denn genug verstanden?
Hab ich denn genug getan?

Und Du wirst die Antwort
in Dein Land mitnehmen.

Geschrieben im Oktober 1988, beim Aufräumen wiedergefunden