#frapalymo 30-nov-16: Veränderung

Was für ein Abschluss: Der dreißigste und damit letzte Impuls – „was wir heute sind, sind wir morgen nicht – veränderung“ – passt doch nun wirklich! – Veränderung, das hat der frapalymo mit Sicherheit bewirkt: Letztes Jahr, als ich das erste Mal beim frapalymo mitgelesen habe, habe ich bei mir gedacht: „Da werde ich nie mitmachen! Gedichte auf Knopfdruck, das kann ich nicht.“ Dieses Jahr dann hat es mich doch gereizt und gepackt – einfach mal als Selbsterfahrung, als Horizonterweiterung, als Schreibtraining… Und: Es war eine rundum gute Erfahrung! Ich will diesen Monat nicht missen, auch wenn ich mich darauf freue, ab morgen wieder „frei“ zu sein und mir für meine Texte wieder die Zeit lassen zu können, die die Texte brauchen.
Aber von den Impulsen, die dieser November für mich bereitgehalten hat (und damit meine ich nicht nur die wunderbaren, sorgfältig ausgesuchten Impulse, die von Sophie ausgingen, sondern auch die Inspiration durch die vielen facettenreichen Umsetzungen der Mitfrapalymoist*innen – danke an Euch alle!) – von all diesen Impulsen werde ich wohl noch lange zehren… Ich bin gespannt, wie all diese Eindrücke aus diesem Monat in mir weiterarbeiten und wohin sie mich tragen werden. Und ich freue mich auf  die Veränderungen, die dieser Monat mit Euch in Gang bringen wird. DANKE!

 

Veränderung

Manchmal will ich
genau so bleiben,
wie ich gerade bin.

Manchmal will ich
auf keinen Fall so bleiben,
wie ich gerade bin.

Manchmal will ich
wieder genau so werden,
wie ich einmal war.

Manchmal will ich
genau so werden,
wie ich nie war und wie ich nicht bin.

Warum kann ich
nicht einfach sein,
wie ich bin?

Das wäre doch wahrlich
Veränderung genug.

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#frapalymo 29-nov-16: Schatten

Beim neunundzwanzigsten (und damit vorletzten) Impuls„schatten“ – war ich versucht zu schummeln: Schon mehrfach habe ich Schattengedichte geschrieben… Ob mir überhaupt noch eins einfiele? Doch irgendwie – wie, das ist das große Geheimnis, ja Wunder des frapalymo – gelang mir dann doch noch ein Bild, mit dem ich halbwegs zufrieden bin, so dass ich mich wieder meiner alltäglichen Arbeit widmen kann.

 

Der Schatten eines Gedichts

Unversehens
huscht er vorüber,
kurz, im ersten Licht
der Morgendämmerung:
der Schatten eines Gedichts.

Er streicht mir tröstend
über die Tränen der Nacht.

Doch als ich nach ihm greife,
verschwindet er für immer
im Schatten, in seinem
Schatten, dem Echo
meiner Seele.

#frapalymo 26-nov-16: Geräusche der Stadt

Der sechsundzwanzigste Impuls  – „medientransfer: straßengeräusche (link!) – schreibt ein gedicht zu den geräuschen der stadt“ – fiel mir, dem Augenmenschen, nicht wirklich leicht. Doch bevor ich ein Gedicht über mein inneres Taub-Sein hätte zum Besten geben müssen, hat mich die Sprache – wie schon so oft – gerettet; und so entstand diese kleine Reimspielerei zu den Geräuschen der Stadt:

 

Lausch den Geräuschen der Stadt

dem Rauschen lauschen:
Stimmen schwimmen
in Fänge der Klänge
schöne Töne schwärmen
lärmen zwischen Zischen
und Klicken ein Ticken
da Krachen, da Lachen
im Poltern ein Stolpern
ein Ächzen, ein Krächzen
Gedröhne, Gestöhne
ein Singen in Dingen,
die klingen, im Klingeln
ein Kringeln, im Strudeln
ein Dudeln – ach!
es brummt und summt
surrt und schnurrt und  knurrt
und in die schrille Stille
schneit, was schreit
blutet, was tutet
hör genau hin, lass
dich nicht täuschen von
Geräuschen

#frapalymo 25-nov-16: „nachmittagstraum: umschulung zum tiefseewesen“

In erster Reaktion auf den fünfundzwanzigsten Impuls – „nachmittagstraum: umschulung zum tiefseewesen“ (ein tweet von klaus aka @reticulum) – stand da:

tiefer
tiefer
tiefer
noch tiefer

keine Luft mehr
durchgefallen

Dann aber wollte ich mich doch nicht so sehr an der „(um)schulung“ orientieren, sondern lieber auf das „tiefseewesen“ einlassen:

 

am grund

aus dem stillstand
in den tiefgang
in schräglage
nimmermüder gedankenfluss

mich freischwimmen und
durch haut und haar
worte atmen

#frapalymo 24-nov-16: Wiederholungen

Den vierundzwanzigsten Impuls – „wiederholungen erwünscht“ – erwidere ich mit einer Hommage an Ernst Jandl und die Konkrete Poesie:

Tag für Tag

Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Tag
Nacht
Nacht
Nacht

oder:

tagein, tagaus

tagein
tagaus
tagein
tagaus
tagein
tagaus
tagein
tagaus
tagein
tagaus
aus die maus

Trilogie: Minnesangs Farben – Blau

secht, wie ez tunkel blawet!
Ein Blaues Tanka von Frauenlob

ich clage min not:
baz dem munde zeme ein
liljenwizes ja

dann ein nein von jamer bla –
secht, wie ez tunkel blawet!

 

Für dieses Blaue Tanka habe ich Verse aus drei Gedichten von Frauenlob (Heinrich von Meißen) zusammengeschmiedet: Der Eingangsvers stammt aus Lied 6, Strophe 2, Vers 1; der Mittelteil aus Lied 2, Strophe 2, Verse 5f.; der Schlussvers stammt aus dem Spruch VII,29, Vers 1 (zitiert nach der Göttinger Ausgabe von Karl Stackmann und Karl Bertau).
Inspiriert wurde diese Trilogie und speziell dieses Gedicht durch Sophie Paulchens #frapalymo im November 2016 (Impuls No. 21).

Worthilfen: tunkel = dunkel; baz = besser; zeme = wäre angemessen; dann = als

Trilogie: Minnesangs Farben – Rot

rôtez mündelîn
Ein Rotes Elfchen von Heinrich von Morungen

daz
ein lützel
was versêret ir
vil vröuden rîchez rôtez
mündelîn

 

Für dieses Rote Elfchen habe ich einen Vers aus dem Narzisslied Heinrichs von Morungen „Mir ist geschehen als einem kindelîne“ (zitiert nach Minnesangs Frühling, MF 145,1, Strophe 2, Verse 7f.) neu angeordnet. Der enigmatische Vers über die unerklärte Verletzung des roten Mündleins der Minnedame bekommt eine – wie ich finde – zu ihm gut passende Form: Steigerung mit dem „mündelîn“ als Höhe- und Kristallisationspunkt des Gedichts.
Inspiriert wurde diese Trilogie und speziell dieses Gedicht durch Sophie Paulchens #frapalymo im November 2016 (Impuls No. 22)

Worthilfen: lützel = wenig; versêret = verletzt, verwundet

Trilogie: Minnesangs Farben – Grün

Ez grüenet wol diu linde breit
Ein Grünes Pantun von Dietmar von Aist

Ahî, nu kumt uns diu zît,      der kleinen vogellîne sanc.
ez grüenet wol diu linde breit,      zergangen ist der winter lanc.
nu siht man bluomen wol getân,      an der heide üebent sî ir schîn.
des wirt vil manic herze vrô,      des selben entroestet sich daz mîn.

Ez grüenet wol diu linde breit,      zergangen ist der winter lanc.
ûf der linden obene     dâ sanc ein kleinez vogellîn.
des wirt vil manic herze vrô,      des selben entroestet sich daz mîn,
sît ich bluomen niht ensach    noch enhôrte der vogel sanc.

Ûf der linden obene     dâ sanc ein kleinez vogellîn.
sît was mir mîn vröide kurz    und ouch der jâmer alzelanc.
sît ich bluomen niht ensach    noch enhôrte der vogel sanc.
vor dem walde wart ez lût.     dô huop sich aber daz herze mîn.

sît was mir mîn vröide kurz      und ouch der jâmer alzelanc.
nu siht man bluomen wol getân,      an der heide üebent sî ir schîn.
vor dem walde wart ez lût.       dô huop sich aber daz herze mîn.
Ahî, nu kumt uns diu zît,      der kleinen vogellîne sanc.

 

Der Farben-Formen-Trilogie-Impuls von Sophie Paulchen hat nun bei mir noch etwas ganz anderes freigesetzt. Schon lange reizt es mich, etwas Lyrisches mit den von mir so heiß geliebten Minnesängern zu machen. Und nun war da plötzlich die Idee: einfach das mittelhochdeutsche Sprachmaterial zu einer neuen Form zusammensetzen – und das noch farblich inspiriert.

Für das Grüne Pantun habe ich acht Verse von Dietmar von Aist verwendet. Meine erste Strophe entspricht der ersten Strophe aus dem Lied „Ahî, nu kumt uns diu zît“ (zitiert nach Minnesangs Frühling, MF 33,15) – mit einer kleinen Änderung: das „troesten“ ist bei mir negiert. Die weiteren vier Verse stammen aus der vierten und fünften Strophe desselben Liedes.
Inspiriert wurde dieses Gedicht wie die ganze Reihe durch Sophie Paulchens #frapalymo im November 2016 (hier: Impuls No. 23).

Worthilfen: ahî = Ausruf der Freude wie des Schmerzes; wol getân = schön; üebent sî ir schîn = zeigen sie ihren Glanz; entroestet = findet keine Hoffnung; daz mîn = das meine (gemeint: mein Herz);  sît = weil (oder auch: später); alzelanc = viel zu lang; ensah = sah nicht; enhôrte = hörte nicht;  wart ez lût = wurde es laut, erklang es; huop = erhob sich, schwang sich auf

#frapalymo 23-nov-16: Grünes Pantun

Oje, beim dreiundzwanzigsten Impuls„schreibt ein grünes pantun – hab ich erst einmal gedacht: „Jetzt steig‘ ich aus. Das krieg ich auf Knopfdruck so nicht hin.“ Aber wirklich eine spannende Form! Das hat mich dann doch gereizt. Dass es hätte reimfrei sein dürfen, hab ich erst heute Morgen realisiert… nunja, da war mein kleines sinnfreies (?) Tiergedicht schon da:

 

Das verliebte Fröschlein

Ein traurig‘ Fröschlein saß im grünen Grase.
Es hatte sich gar frisch verliebt.
Das Ziel der grünen Liebe war ein Hase.
Es staunte, dass es sowas gibt.

Es hatte sich gar frisch verliebt,
Das Fröschlein dort im Wiesengrund.
Es staunte, dass es sowas gibt.
Ihm war im Kopf so kunterbunt.

Das Fröschlein dort im Wiesengrund,
Es konnt‘ es einfach nicht verstehen.
Ihm war im Kopf so kunterbunt.
Wie sollt‘ es ihm denn nun ergehen?

Es konnt‘ es einfach nicht verstehen:
Das Ziel der grünen Liebe war ein Hase.
Wie sollt‘ es ihm denn nun ergehen?
Ein traurig‘ Fröschlein saß im grünen Grase.

#frapalymo 22-nov-16: Rotes Elfchen

 Der zweiundzwanzigste Impuls„schreibt ein rotes elfchen – fiel mir nicht so leicht wie das „blaue tanka“. Das mag daran liegen, dass ich kein so gutes Verhältnis zur Farbe Rot habe (wohlgemerkt als Farbe, nicht politisch  🙂 ). Und wohl auch daran, dass ich mit Elfchen nicht so gut kann: Sie sind zwar schön kurz, und ich habe auch nichts gegen strenge Formvorgaben, aber ich glaube, mich stört, dass sich das Elfchen der üblichen Syntax widersetzt… Und so habe ich also Versuch um Versuch geschrieben und geschrieben (von Rotwein, von Liebe und Hass, von Kirschen, vom Mohn, vom linken Herzen, vom Rotfuchs usw.) – aber alles nicht wirklich vorzeigbar. Aber dann standen plötzlich diese Zeilen im Raum:

 

Rotes Elfchen

Angst
Nachtrotes Ungeheuer
Schläft in mir
Ich wecke sie nicht:
Morgenröte