#frapalymo 21-nov-16: blaues tanka

Der einundzwanzigste Impuls – „schreibt ein blaues tanka – kommt mir doch sehr entgegen. Ich liebe die Farbe Blau, und ich mag es gern kurz. Ja, und überdies habe ich mich in diesem Sommer auch schon ein bisschen intensiver als bisher auf Haiku und Tanka eingelassen, also: Ein blaues Tanka, aber gern doch!

 

blaues tanka

heidelbeerenblau
die lippen, augenblick ins
kindheitshimmelblau

ohr an welt, füße im see –
heut noch: den kopf voller blau

#frapalymo 19-nov-16: Buchtitel-Gedichte

Mit dem neunzehnten Impuls„wählt 10 buchtitel und nutzt ausschließlich diese wörter für ein gedicht“ – habe ich mir einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Schon immer wollte ich eine Collage aus Buchtiteln machen… Und so stellte ich mich nun vor mein Bücherregal – doch je nachdem, wo ich stand und sammelte, kam etwas anderes heraus. Und jetzt kann ich mich einfach nicht entscheiden… und so bekommt Ihr heute drei „Gedicht-Versuche“ (richtige Gedichte sind es wohl noch nicht…). Noch hänge ich an den Titeln selbst, es ist mir leider noch nicht gelungen, mich von ihnen zu lösen und nur das Wortmaterial zu benutzen, wie Sophie es vorschlägt. Falls da noch was in Gang kommt, werde ich es einfach dazustellen…

 

Versuch 1 – vor dem Lyrik-Regal:

berührte orte

ich steh auf den treppen des winds
auf wolkenbürgschaft
wind und gras
so knallvergnügt
herz über kopf
die hand voller stunden
wintergrün
in meinen träumen läutet es sturm
ruf zurück die vögel

Dies also ein Gedicht aus den Titeln der folgenden Gedichtbände:

  1. Ulrike Draesner: berührte orte
  2. Rolf Bossert: Ich steh auf den Treppen des Winds
  3. Hilde Domin: Auf Wolkenbürgschaft
  4. Wind und Gras. Moderne koreanische Lyrik
  5. So knallvergnügt. Hundert Gedichte über das Glück
  6. Ulla Hahn: Herz über Kopf
  7. Paul Celan: Die Hand voller Stunden
  8. Doris Runge: wintergrün
  9. Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm
  10. SAID: Ruf zurück die Vögel

 

Versuch 2 – vor den Romanen:

aufbruch

transit. kein ort. nirgends.
zwischen zwei scheiben glück:
rot die wand. das ungeheuer.

das blaue licht
an der biegung des großen flusses:
novemberinsel

Dieses Gedicht ist montiert aus folgenden Roman-Titeln:

  1. Ulla Hahn: Aufbruch
  2. Anna Seghers: Transit
  3. Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends
  4. Irene Dische: Zwischen zwei Scheiben Glück
  5. Uwe Timm: Rot
  6. Marlen Haushofer: Die Wand
  7. Terézia Mora: Das Ungeheuer
  8. Hertha Kräftner: Das blaue Licht
  9. V. S. Naipaul: An der Biegung des großen Flusses
  10. Eveline Hasler: Novemberinsel

 

Versuch 3 – vor dem Iran-Regal

Kelidar

Vergesst Deutschland! Hier ist Iran!
Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden.
Dein Name: Kelidar. Landschaften einer fernen Mutter.

Jene Tage: Außenhaut, Binnenträume.
Wo ich sterbe ist meine Fremde.
Nachts ist es leise in Teheran.

Dieses Gedicht ist montiert aus folgenden Titeln:

  1. Mahmud Doulatabadi: Kelidar
  2. Navid Kermani: Vergesst Deutschland. Eine patriotische Rede
  3. Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum
  4. Parastou Forouhar: Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden
  5. Navid Kermani: Dein Name
  6. SAID: Landschaften einer fernen Mutter
  7. Forugh Farrochsad: Jene Tage. Gedichte
  8. SAID: Außenhaut, Binnenträume. Gedichte
  9. SAID: Wo ich sterbe ist meine Fremde
  10. Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

 

Versuch 4 – nochmal vor dem Lyrik-Regal (siehe oben), aber nur mit dem Sprachmaterial

wintertraum

in meinen träumen berührte
ich den wind die vögel
auf wolkenruf sturm
auf den treppen voller
stunden knallkopfüber
zurück ins gras, wintergrün

mein herz läutet: ich steh auf

 

#frapalymo 17-nov-16: „Möchten Sie das absolute Gedächtnis?“

Der siebzehnte Impuls – eine Frage von Max Frisch: „Möchten Sie das absolute Gedächtnis?“ – hat bei mir ein klares „Nein!“ hervorgerufen und mich dazu gebracht, ein „Loblied auf das Vergessen“ zu schreiben. Blödeln war ja ausdrücklich erlaubt! – Eine ernste Antwort auf diese Frage würde dagegen wohl eher so ausfallen wie der Titel des Gedichts von Sophie: „nein ja nein“…

Loblied auf das Vergessen

Das Vergessen ist mir lieb,
denn in meinem Kopf das Sieb
wirkt befreiend allermeist:
Es räumt auf in Seel‘ und Geist.

Ach, wie schön, dass mir entfallen
Dinge, die mir nicht gefallen.
Auch vergess‘ ich mit Genuss
Dinge, die ich machen muss.

Warum mühsam rumgepuzzelt?
Ich sag lieber: „Hab’s verschusselt.“
Und zu dem, was mir da sitzt
tief im Nacken: „Oh! Verschwitzt!“

Was mir nur verursacht Falten,
kann ich einfach nicht behalten.
Denn ich hab‘ in meinem Kopf
lieber Platz statt alten Zopf.

Ach, wie schön ist das Vergessen!
Denn: Erinnerungen können stressen
und nicht alles ist es wert,
dass es das Gedächtnis teert.

Ach herrje, jetzt ist’s geschehen!
– Ja, das war vorherzusehen. –
Tja nun: Das Gedicht ist jetzt gegessen,
denn den Schluss hab‘ ich  –  vergessen.

#frapalymo 16-nov-16: „manchmal kann man auch mit gesenktem kopf ein stück himmel sehen.“

Der sechzehnte Impuls„manchmal kann man auch mit gesenktem kopf ein stück himmel sehen.“ (ein Tweet von @e_mm_e1; zu finden hier) – hat mich erst einmal den Kopf hängen lassen: Mit diesem schönen pointierten Satz ist doch alles gesagt, was soll man da jetzt noch machen? Was kann dabei mehr herauskommen als ein geschwätziges Gedicht? Aber dann haben sich doch noch Verse eingestellt, die an den Impuls anknüpfen, ohne ihn hoffentlich totzureden…

 

Perspektivenwechsel. Ein Yin und Yang-Spiel

Hast du den Kopf in den Wolken,
siehst du die Welt von oben.
In der Weite des Himmels kannst du
das Kleine im Großen sehen,
das Leise im Lauten hören,
das Dunkle im Hellen spüren.

Steckst du den Kopf in den Sand,
siehst du die Welt von unten.
In der Tiefe der Erde kannst du
das Große im Kleinen sehen,
das Laute im Leisen hören,
das Helle im Dunklen spüren.

#frapalymo 15-nov-16: fassbar

Mit dem fünfzehnten Impuls„fassbar“ – hatte ich jetzt meine liebe Not, schließlich hatte ich mit meinem letzten Gedicht die Chance auf Korrespondenzen im Sinne des Doppelimpulses verwirkt. Doch dann hat mir der Mond geholfen (und die Erfahrung mit dem ‚Bibermond‘ ist der Liebe auch gar nicht so unähnlich):

 

an den mond

fassbar nah
bist du heute

und doch
unfassbar fern

 

#frapalymo 14-nov-16: unfassbar

Beim vierzehnten Impuls„unfassbar“ – konnte ich jetzt nicht widerstehen (auch wenn mich das für den folgenden Impuls „fassbar“ in die Bredouille bringen wird): Das MUSSTE, das KONNTE NUR ein Liebesgedicht werden für meinen geliebten Mann, der mich liebt – schon dies: unfassbar! – und dies auch schon seit über dreißig Jahren: unfassbar!  – und der immer noch viele kleine Geheimnisse für mich bereithält: unfassbar!

 

unfassbar

Du

#frapalymo 13-nov-16: Tanz

Der dreizehnte Impuls„schaut auch diesen tanz (link) an und lasst euch durch bewegung, musik, ausdruck inspirieren“ (eine Anregung von @fliegergedanke; Tanz ab Minute 0:24) – führt mich in ein ganz neues Feld. Einen Tanz lyrisch umzusetzen, das hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie versucht. Herausgekommen ist ein „Paargedicht“, also eine kleine Reflexion über das Paar-Sein, die allerdings nur ansatzweise der unbändigen Ausdruckskraft dieses tanzenden Paares gerecht wird.

 

Pas de deux

Schritt für Schritt
für Schritt für Schritt
Hand in Hand
Arm in Arm in
Arm in Arm
ganz Auge
ganz Ohr

Takt für Takt
für Takt für Takt
Schulter an Schulter
Bauch um Rücken an
Rücken um Bauch
ganz Körper, ganz Geist
in Liebe, in Leid

Ton um Ton
um Ton um Ton
Hand auf Arm um Schulter in
Freude in Leid auf Knie vor Brust vor
Schmerz auf Bauch auf Rücken aus
Liebe von Mund zu Ohr ins Auge um
Auge durch Leib in Seele

vier Arme vier Beine
zwei Körper zwei Herzen
ein Leben ein Tanz

#frapalymo 12-nov-16: kubistisches körpergefühl

Der zwölfte Impuls„kubistisches körpergefühl“ (eine Idee von @exnocte) – stellt wieder ganz neue Herausforderungen. Mir geht es damit wie Sophie: „ich habe noch keine ahnung, was ein kubistisches körpergefühl ist“, lasse Bilder vor meinem geistigen Auge vorüberziehen, horche in mich hinein. Hm, vielleicht so etwas:

mein Körper: kubistisch

mein Herz: mein Auge
meine Hand: mein Ohr
mein Mund: ein Strich
ein Punkt: mein Ich

#frapalymo 10-nov-16: lieblingsdichter: titel eines gedichts als inspiration

Der zehnte Impulssucht euch von eurem lieblingsdichter den titel eines gedichts und nehmt diesen als inspiration – kommt so harmlos daher… aber: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Ich war versucht zu schummeln, hab ich sowas doch sowieso im Gepäck: zum Beispiel zu Ulla Hahns „Herz über Kopf“ (Herzwärts), zu SAIDs „Sei Nacht zu mir“ (Sei Nacht zu mir) oder zu „Mein blaues Lied“ von Ahmad Shamlu (Mein blaues Lied) – aber das wäre ja nicht im Sinne der Erfinderin des frapalymo… Also auf: Mit allen Sinnen an den Bücherschrank…
Hängen geblieben bin ich – möglicherweise liegt es daran, dass mich der November immer ein bisschen sentimental macht – an Friedrich Hölderlins „Hälfte des Lebens“. Tja, und das ist dabei herausgekommen:

Hälfte des Lebens

bitte, keine halben Sachen
auch nicht: halbe-halbe
entweder ganz
oder gar nicht

ein halbes Leben:
nichts Halbes, nichts Ganzes
Leben auf halbmast
halbherzig
halb tot

lebenshalber:
mach nicht halblang
lebe – ganz! voll! rund!

#frapalymo 9-nov-16: ein text, zwei strophen, vier wörter

Puh, es wird immer härter! Der neunte Impulsein text, zwei strophen, vier wörter: glas, dünn, blass, see. sie sollen in beiden strophen je einmal vorkommen – macht sehr viele Vorgaben. Aber sie kommen mir entgegen: Ich liebe parallele Konstruktionen. Und ich habe mir selbst noch eine weitere Vorgabe gemacht: Ich wollte diese vier Wörter in der zweiten Strophe in umgekehrter Reihenfolge wiederholen (quasi als Spiegelung); hab dann noch ein paar Wörter zum Wiederholen hinzugefügt, aber die Rahmenwörter sozusagen fixiert – man gönnt sich ja sonst nichts.

Winter

Einsam liegt der See im Schnee.
Blass ist sein Gesicht. Weiß.
Dünn ist das Eis, das ihn bedeckt
wie Glas, kalt und klar. Darunter
kannst du ihn vom Frühling träumen sehen.

Einsam stehe ich am Fenster und
blicke durch das Glas, kalt und klar.
Dünn ist meine Haut geworden. Weiß.
Blass ist mein Gesicht. Unter dem Schnee
kannst du noch den Frühling spüren, im Traum.