Wider den Sündenbock

bitte, macht sie nicht zum Sündenbock –
die Ungeimpften, die so vehement Beschimpften
und Verunglimpften

keinen Blumenstock gewinnt ihr damit. verbockt
hat es allein die herrschende Klasse,
die sich an uns versündigt, indem sie zockt
und sich verzockt – außer bei der eigenen Kasse

wer hat den größten (Sünden-)Bock geschossen?
man hat ganz konsequent Klinik um Klinik geschlossen
und systematisch Pfleger*in um Pfleger*in verdrossen
(und dies in Zeiten einer Pandemie!) –
die Jagd auf Sündenböcke: nur Hysterie

bitte, macht sie nicht zum Sündenbock –
die Ungeimpften, die so vehement Beschimpften
und Verunglimpften

versündigt euch nicht
an den Werten der Demokratie
(auch nicht in Zeiten einer Pandemie!)

benennt den Bock! beendet den Wahn!
es geht nicht um Sünde, es geht um Profit –
und wer sündenbockt, läuft einfach nur mit!

Nur, damit das klar ist: Ich bin keine Impfgegnerin oder Impfskeptikerin – im Gegenteil! Und ich habe auch wirklich Null Verständnis für Verschwörungstheorien. Aber was hier gerade abgeht, halte ich für sehr gefährlich. So geht es nicht, denke ich.

auf den Punkt

eine Punktuelle

Ules feine Punkt-Reflexionen haben in mir einen (hihi!) Punkt angesprochen, über den ich schon länger nachdenke. Immer wieder hab ich mir überlegt, dass es schön wäre, ein Gedicht über den Punkt zu schreiben; aber noch schöner, wenn dies gleichzeitig eine heimliche Hommage an den Strichpunkt würde; denn gäbe es ihn nicht, müsste man ihn glatt erfinden! Findet Ihr nicht auch? Und eine neue lyrische Gattung gleich mit 😉

das ist der Punkt.

auf dem Punkt. wird er zum Doppelpunkt:
Punkt. für Punkt. wird er zum Strich –
das ist der neuralgische Punkt!
kein Punkt. mehr ein Strichpunkt;
ein wunder Punkt, ein Wunder

ohne Punkt. und Komma, kommst du
nur bis zu einem gewissen Punkt.
das ist ein schwacher Punkt.
niemals auf den Punkt. genau

am toten Punkt . erst dort ist
der springende Punkt. . .
das Pünktchen . auf dem i

(vielleicht ein strittiger Punkt?)

Des Kürenbergers Falkenlied

„in Lyrifants wîse“ (wie es Davina nennen würde)

hab ’nen Falken aufgezogen:
erst gehegt, dann gepflegt,
sehr verwöhnt, sehr verschönt –
trotzdem ist er mir entflogen

hab ihn später fliegen sehen:
sehr gehegt, sehr gepflegt,
mehr verwöhnt, mehr verschönt –
ach, mögen Liebende zusammen gehen!

Eher eine freie Nachdichtung denn eine Übersetzung, lautet der mittelhochdeutsche Text dann doch ein wenig anders:

Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete, als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe und vlouc in ándèriu lant.

Sît sach ich den valken schône vliegen,
er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere alrôt guldîn.
got sende sî zesamene, die gelíeb wéllen gerne sîn!

Lyrifants Falkenlied

der Falke ist entflogen.
allein ich steh hier an der Zinne.
niemanden hör ich singen
von Falken noch von Zinnen.

der Falke ist entflogen.
allein ich steh hier an der Zinne.
so sing ich vor mich hin
von Falken und von Zinnen.

den Falken seh ich fliegen
einsam von meiner Zinne aus.
wer wird einst noch singen
von Falken und von Zinnen?

Blogbeitrag

Erzähle deine Geschichte hier …
Welche Geschichte?
Dies ist ein Lyrik-Blog!
Dann: Schreib dein Gedicht hier nieder …
Welches Gedicht?
So einfach geht das nicht!
Dazu brauch ich erstmal eine Geschichte!
Dann erzähl deine Geschichte hier …
Nein, ich will hier keine Geschichte erzählen,
ich will nur ein Gedicht schreiben!
Dann schreib halt dein Gedicht hier nieder …
So einfach geht das nicht!
Dazu brauch ich erstmal eine Geschichte!

todesmutig und voll Lebensmut

für Claudia

groß
war Deine Angst
vor dem Tod

größer noch
war Deine Angst
vor dem Leben

ach,
hättest Du gelebt, wie
Du gestorben bist:
todesmutig und
voll Lebensmut

groß
ist meine Angst
vor dem Tod

größer noch
ist meine Angst
vor dem Leben

ach,
könnte ich nur so
leben und sterben:
todesmutig und
voll Lebensmut

wer? was? was? wer?

wer was hat, ist wer?
wer wer ist, hat was?

wer was ist, sagt wer? sagt was?
wer wer ist, sagt was? sagt wer?
wer was hat, sagt wer? sagt was?
was wer hat, sagt was? sagt wer?
was was ist, sagt wer? sagt was?
was wer ist, sagt was? sagt wer?

wer was ist, hat was?
was wer hat, ist was?

wer ist wer?
was ist was?

wer? was?
was? wer?

wie jetzt?

polyphone gedichte (schlicht extemporiert)

(1)
mono ton nie
klang farben reich
takt los
halb ton, halb licht
inter mezzo con spirito
pan tonal total
chrom a tisch
polyp honig süß

(2)
meer als geräusch, meer als gerausch:
meerstimmig, meersinnig –
ein rausch

(3)
poesie im akkord: ein thema, zwei saiten
lyrik im kanon, gegen den kammerton:
ah! ein fliehendes wort auf der stimmgabel –
horch, wie es den vers
durchtönt!

(da capo al fine)