Trilogie: Minnesangs Ich-Reflexionen – ein-ander

Eine Pantun-Variation von Heinrich von Morungen

ich bin iemer der ander
niht der eine
ich bin iemer ander
und niht eine

niht der eine
bin ich iemer eine
und niht eine
und niht eine

ich bin iemer eine
ich bin iemer ander
und niht eine
ich bin iemer der ander

Das Pantun gehört für mich zu den großen Entdeckungen beim #frapalymo diesen November. Etwas freier gehandhabt scheint es mir die passende Form zu sein für einen Satz Heinrichs von Morungen (Lied XI, MF 131,25), den die Handschriften in drei Varianten überliefern: „Ich bin iemer der ander, niht der eine“ (wird übersetzt mit: ‚Ich bin immer der zweite, nicht der einzige‘), „Ich bin iemer ander und niht eine“ (wird übersetzt mit: ‚Ich bin immer zu zweit und nicht allein‘) und „Ich bin iemer eine und niht eine“ (könnte man übersetzen mit: ‚Ich bin immer allein und nicht der einzige‘). Aber das Sinnspiel mit „ander“ (‚der zweite‘, ‚einer von zweien‘, ‚der andere‘, ‚der nächste‘) und „eine“ (‚der eine‘, ‚der einzige‘, ‚allein‘) geht meines Erachtens noch viel tiefer… – insofern ist es leider nicht wirklich übersetzbar.

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Trilogie: Minnesangs Ich-Reflexionen – da heime nicht

Ein Haiku von Meister Frauenlob

Ich suchte mich, da
vant ich min da heime nicht.
lip, wa was ich do?

Verse aus der dritten Strophe aus Lied 6 von Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob (GA XIV,28), neu verfugt zu einem Haiku – ist das nicht ein verblüffend moderner Gedanke am Ende des 13. Jahrhunderts?

Worthilfen: vant = fand; min – wörtlich: meiner, d.h. etwas von mir; da heime = daheim; lip = Leib, Leben; wa = wo; was = war; do = da, damals

Hier meine Übersetzung, die Form wahrend:

Ich suchte mich, da
fand ich nichts von mir zuhaus.
Leib, wo war ich da?

Trilogie: Minnesangs Ich-Reflexionen – getroumet?

Ein inverses Tanka von Walther von der Vogelweide

Owê, war sint verswunden
alliu mîniu jâr?
ist mîn leben getroumet

oder ist ez wâr?
iemer mê ouwê!

Walther von der Vogelweide wäre nicht Walther von der Vogelweide, würde er sich an Regeln halten. Und so ist sein Tanka nicht nach dem traditionellen Muster 5-7-5 7-7 gebaut, sondern invers: 7-5-7 5-5. Die Verse sind dem Eingang seiner sog. ‚Elegie‘ (L. 124,1) entnommen, kombiniert mit dem Refrain,  wobei ich nur ein wenig eingreifen musste, um die erforderliche Silbenzahl zu erhalten. Hier meine Übersetzung, die die Form zu bewahren sucht:

Ach, wohin sind verschwunden
all meine Jahre?
Ist mir mein Leben geträumt

oder ist es wahr?
Ach, für immer ach!

Diese Tanka-Variation eröffnet eine kleine Dreierreihe, für die ich Verse gewählt habe, die mich immer schon angesprungen, umgehauen und eingenommen haben.

Trilogie: Minnesangs Vögel – Falke

valken
ich gezamete,
starc, schoene, wilde:
vlouc in anderiu lant –
got!

Und zum Abschluss der kleinen Trilogie noch ein Elfchen: diesmal mit Material aus des Kürenbergers Falkenlied (MF 8,33). Hineingemogelt habe ich außerdem drei Adjektive aus Kriemhilds Falkentraum aus dem Nibelungenlied 🙂
Worthilfen: gezamete = zähmte; vlouc in anderiu lant = (ent)flog in andere Länder

Trilogie: Minnesangs Vögel – Schwan

ich tuon sam der swan,
der singet swenn‘ er stirbet:
ein swinendes fro

Und weiter geht es mit „Minnesangs Vögeln“: Dieses Haiku verarbeitet das Bild vom Schwan, der immer dann singt, wenn er stirbt. Dieses Bild findet sich sowohl bei Heinrich von Morungen (MF 139,15-18; Venuslied) als auch bei Frauenlob (GA Lied 4, Strophe XIV,9). Der letzte Vers stammt von Frauenlob und bedeutet ‚ein dahinschwindendes Froh‘.

Trilogie: Minnesangs Vögel – Nachtigall

nahtegal
schône sanc
under der linden
dâ unser zweier bette –
tandaradei

Die Idee, eigene kleine Texte mit dem Sprachmaterial mittelhochdeutscher Minnelieder zu machen, kam über einen Impuls von ‚Frau Paulchens Lyrischem Monat‘. Nach „Minnesangs Farben“ (die unmittelbar aus dem Impuls entwickelt wurden) habe ich mir nun die minnesängerische Vogelwelt vorgenommen. Als erstes habe ich das berühmte ‚Lindenlied‘ Walthers von der Vogelweide (L. 39,11) auf ein Elfchen reduziert…
Worthilfen: schône = auf schöne Weise; dâ = wo / dort; tandaradei = Interjektion, den Ruf der Nachtigall nachahmend

Trilogie: Minnesangs Farben – Blau

secht, wie ez tunkel blawet!
Ein Blaues Tanka von Frauenlob

ich clage min not:
baz dem munde zeme ein
liljenwizes ja

dann ein nein von jamer bla –
secht, wie ez tunkel blawet!

 

Für dieses Blaue Tanka habe ich Verse aus drei Gedichten von Frauenlob (Heinrich von Meißen) zusammengeschmiedet: Der Eingangsvers stammt aus Lied 6, Strophe 2, Vers 1; der Mittelteil aus Lied 2, Strophe 2, Verse 5f.; der Schlussvers stammt aus dem Spruch VII,29, Vers 1 (zitiert nach der Göttinger Ausgabe von Karl Stackmann und Karl Bertau).
Inspiriert wurde diese Trilogie und speziell dieses Gedicht durch Sophie Paulchens #frapalymo im November 2016 (Impuls No. 21).

Worthilfen: tunkel = dunkel; baz = besser; zeme = wäre angemessen; dann = als

Trilogie: Minnesangs Farben – Rot

rôtez mündelîn
Ein Rotes Elfchen von Heinrich von Morungen

daz
ein lützel
was versêret ir
vil vröuden rîchez rôtez
mündelîn

 

Für dieses Rote Elfchen habe ich einen Vers aus dem Narzisslied Heinrichs von Morungen „Mir ist geschehen als einem kindelîne“ (zitiert nach Minnesangs Frühling, MF 145,1, Strophe 2, Verse 7f.) neu angeordnet. Der enigmatische Vers über die unerklärte Verletzung des roten Mündleins der Minnedame bekommt eine – wie ich finde – zu ihm gut passende Form: Steigerung mit dem „mündelîn“ als Höhe- und Kristallisationspunkt des Gedichts.
Inspiriert wurde diese Trilogie und speziell dieses Gedicht durch Sophie Paulchens #frapalymo im November 2016 (Impuls No. 22)

Worthilfen: lützel = wenig; versêret = verletzt, verwundet

Trilogie: Minnesangs Farben – Grün

Ez grüenet wol diu linde breit
Ein Grünes Pantun von Dietmar von Aist

Ahî, nu kumt uns diu zît,      der kleinen vogellîne sanc.
ez grüenet wol diu linde breit,      zergangen ist der winter lanc.
nu siht man bluomen wol getân,      an der heide üebent sî ir schîn.
des wirt vil manic herze vrô,      des selben entroestet sich daz mîn.

Ez grüenet wol diu linde breit,      zergangen ist der winter lanc.
ûf der linden obene     dâ sanc ein kleinez vogellîn.
des wirt vil manic herze vrô,      des selben entroestet sich daz mîn,
sît ich bluomen niht ensach    noch enhôrte der vogel sanc.

Ûf der linden obene     dâ sanc ein kleinez vogellîn.
sît was mir mîn vröide kurz    und ouch der jâmer alzelanc.
sît ich bluomen niht ensach    noch enhôrte der vogel sanc.
vor dem walde wart ez lût.     dô huop sich aber daz herze mîn.

sît was mir mîn vröide kurz      und ouch der jâmer alzelanc.
nu siht man bluomen wol getân,      an der heide üebent sî ir schîn.
vor dem walde wart ez lût.       dô huop sich aber daz herze mîn.
Ahî, nu kumt uns diu zît,      der kleinen vogellîne sanc.

 

Der Farben-Formen-Trilogie-Impuls von Sophie Paulchen hat nun bei mir noch etwas ganz anderes freigesetzt. Schon lange reizt es mich, etwas Lyrisches mit den von mir so heiß geliebten Minnesängern zu machen. Und nun war da plötzlich die Idee: einfach das mittelhochdeutsche Sprachmaterial zu einer neuen Form zusammensetzen – und das noch farblich inspiriert.

Für das Grüne Pantun habe ich acht Verse von Dietmar von Aist verwendet. Meine erste Strophe entspricht der ersten Strophe aus dem Lied „Ahî, nu kumt uns diu zît“ (zitiert nach Minnesangs Frühling, MF 33,15) – mit einer kleinen Änderung: das „troesten“ ist bei mir negiert. Die weiteren vier Verse stammen aus der vierten und fünften Strophe desselben Liedes.
Inspiriert wurde dieses Gedicht wie die ganze Reihe durch Sophie Paulchens #frapalymo im November 2016 (hier: Impuls No. 23).

Worthilfen: ahî = Ausruf der Freude wie des Schmerzes; wol getân = schön; üebent sî ir schîn = zeigen sie ihren Glanz; entroestet = findet keine Hoffnung; daz mîn = das meine (gemeint: mein Herz);  sît = weil (oder auch: später); alzelanc = viel zu lang; ensah = sah nicht; enhôrte = hörte nicht;  wart ez lût = wurde es laut, erklang es; huop = erhob sich, schwang sich auf