und abends schaut ein Wort vorbei

und abends schaut ein Wort vorbei
in meiner kleinen Stube, ich lad es ein
auf ein Glas Wein, wir reden, lachen –
und tanzen bis in die Nacht hinein

am frühen Morgen bricht es auf
mit einem flüchtgen Kuss, ich schau
ihm lange nach, bald ist es fort, das Wort –
in meinen Händen aber finde ich
noch dies Gedicht

Schneeverse

in Schnee schrieb ich
meine alten Lieder, schrieb sie
ins Reine – Vers für Vers: horch,
wie harsch sie knirschen
unter meinem Schritt

aus Schnee schreib ich
meine neuen Verse, schreib sie
ins Weiße – Flocke um Flocke: sieh,
wie forsch sie stieben
über meinem Kopf

von Schnee schrieb ich
meine alten Lieder, von Schnee
schreib ich meine neuen Verse: fühl,
wie sie schon beginnen zu schmelzen
in der noch verhaltenen Wärme
der Wintersonne

Lyrifants Manifest (5): schReibweise

schReibweise

Madame, (das muss ich jetzt noch ansprechen, weil es mich nervt:) Was soll diese eigenwillige Schreibweise? – wie schön, dass Sie sich an meinem Schreiben reiben! ich nämlich schreibe, sobald ich mich reibe. indem ich mich reibe. an Wörtern. an Lauten. an Buchstaben. an Wortbildern. an Wortbildungen. an Wortbeugungen. an Wortverbeugungen. an Wortverbiegungen. an Wortabbiegungen. an allem, was Wort ist – und indem ich schreibe, wie ich schreibe, zeige ich, woran ich mich reibe. und ich zeige, woran ich mich reibe, indem ich schreibe, wie ich schreibe. indem ich schreibe. indem ich schReibe. schreibweise. reibweise.
die Schreibweise ist meine Schreibwiese. in meiner Schreibweise zeigt sich meine Reibweise (reib- und schreibweise). meine Schreibweise ist meine Reibwiese, nicht abgeschrieben, sondern abgerieben. Schreibweisen sind Reib(w)eisen. widerständig. ein Widerstand im LeseFluss. im LeseStrom. auf dass sich das Lesen besinnt. beSinnt. sinnt. nachsinnt über das Wort. über jedes Wort. über jedes Zeichen. auch: über jedes SatzZeichen. denn: Zeichen machen Sätze. (Grund)Sätze! grundlos. aber: ins Bodenlose. ins Off. ins Offene –
wohin auch sonst?

Nächstens mehr.

Lyrifants Manifest (4): unFug

unFug

Madame, ist das nicht hanebüchener Unfug? – Unfug? Unsinn! nein, kein Scherz! das ist doch gerade der Witz! oder: der Aberwitz! ja: hanebüchener Unfug! Was auch sonst?
mit Fug und Recht: Unfug ist die Fugenmasse, mit der ich Wort für Wort verfuge. fugendicht. zum Gedicht. so dass sich Wort an Wort dicht fügt. fügsam. füglich. gefügig. fugato. oder auch nicht. sondern: ungefüge. ungefügig. Unfug eben.
alles fügt sich. oder: nicht alles fügt sich. oder: alles fügt sich nicht. oder: nichts will sich fügen – das alles ist Unfug: Fug und Unfug zugleich. das ist Unsinn: Sinn und Unsinn zugleich. denn auch im Unsinn liegt Sinn. und zugleich: seine Negation. das ist der Witz.
jetzt mal im Ernst: wie ernst muss Lyrik sein? muss Lyrik ernst sein, um Lyrik zu sein? und ist Lyrik, die nicht ernst ist, keine Lyrik? das wäre ein schlechter Scherz! es lehrt die Erfahrung, dass Lyrik, die gänzlich unernst daherkommt, dennoch durch und durch ernst, zumindest ernst gemeint sein kann. und es ist ein Treppenwitz der Lyrikgeschichte, dass Lyrik, die sich durch und durch ernst gibt, durch und durch hanebüchener Unsinn sein kann. Ernst allein ist kein Qualitätsmerkmal für gute Lyrik. Scherz allein allerdings auch nicht. ich meine es ernst: Scherz ist die Kehrseite von Ernst. und: Ernst ist die Kehrseite von Scherz. daher mein Ratschlag an die Dichterin, den Dichter: sei stets heiter in deinem Ernst, sei stets ernst in deinem Scherz. mach UnFug im wahrsten Sinne des Wortes. habe Witz: Fürwitz, Aberwitz, Wahnwitz auch. Wortwitz vor allem. dann bist du eine Dichterin, die, ein Dichter, der diesen Namen verdient.

Lyrifants Manifest (3): schLicht

schLicht

Madame, ist das alles nicht ein bisschen schlicht? – Schlicht? Mag sein, doch was ist so schlecht an schlicht? ja: ich bin ein schlichtes Gemüt. von einfacher Herkunft. ich stehe dazu: schlicht und einfach, das bin ich. das ist Programm. schlicht. und ergreifend.
einfach sei mein Wort. einfach: heißt nicht einfältig. denn welche Vielfalt liegt doch in der Einfalt! einfach sei mein Wort. einfach: heißt nicht beschränkt. denn welche Entgrenzung birgt die Beschränkung! einfach sei mein Wort. einfach: heißt nicht simpel. denn welche Komplexität liegt in der Simplizität! wie viel Sinn liegt doch in wie wenig Wort! Reduktion als Princip.
schauen Sie doch, wie schön es ist, das einfache Wort. wie schön sie sind, die kleinen Wörter. die wir täglich benutzen. aber die wie immer übersehen. ich mache sie zu HauptWörtern. das einfache kleine Wort: bei mir ganz groß. das einfache kleine Wort: ein Wort für sich. ein Wort, das mehr ist als ein Wort, weil es ein Wort ist.
proletarisch sei mein Wort. verständlich für alle. barrierefrei. leicht zugänglich. frei von Bildungsbürgertümelei. rein. kein exklusives „Amuse-Esprit“ für vermeintlich Eingeweihte. eben: eben – ganz ohne Hürden. ohne Klippen. ganz ohne Umschweife. geradeheraus. einfach. schlicht.
billig sei mein Wort. nur recht und billig. ohne Preis. doch nicht umsonst umsonst: Lyrik für alle, eben. eben: schlicht. heißt nicht: schlecht. schlicht. heißt: still (sch!) und Licht. Schicht um Schicht. hell und klar.