Schneeregen

wenn Regentropfen
zu Schneeflocken werden:
kälter wird es, nass bleibt es –
aber sie fallen jetzt nicht mehr
nur einfach zu Boden (wo sie
sich auflösen in nasses Nichts),
nein, sie steigen voll Übermut
zuerst noch einmal hoch
in die Luft

Warten auf den Schnee

und wieder heißt es:
Warten auf den Schnee, der
dann doch wieder nicht kommen
wird, der zwar immer wieder vorher-
gesagt wird, aber dann doch nicht
kommt, der immer nur anderswo
fällt, aber nie hier, wo ich warte:
Warten auf den Schnee, der
dann doch wieder nicht kommen
wird, so wie das große Glück, das
auch nicht kommt, nie kommen wird
und auf das ich auch immer schon
vergeblich warte

Schneeverse

in Schnee schrieb ich
meine alten Lieder, schrieb sie
ins Reine – Vers für Vers: horch,
wie harsch sie knirschen
unter meinem Schritt

aus Schnee schreib ich
meine neuen Verse, schreib sie
ins Weiße – Flocke um Flocke: sieh,
wie forsch sie stieben
über meinem Kopf

von Schnee schrieb ich
meine alten Lieder, von Schnee
schreib ich meine neuen Verse: fühl,
wie sie schon beginnen zu schmelzen
in der noch verhaltenen Wärme
der Wintersonne

sprich mir nicht von Schnee

sprich mir nicht von Schnee
an diesem schneelosen Ort:
schweig dichte lichte Flocken
mir in mein stummes Wort

sprich mir nicht von Klee
in dieser kleelosen Zeit:
sing neue scheue Triebe
mir in mein dürres Wort

sprich mir nicht von See
an diesem seelosen Ort:
schreib wilde milde Wellen
mir in mein wundes Wort

das Warten auf den Schnee

die Luft atmet Schnee, doch
es will einfach nicht schneien –
am liebsten würd ich mir nun
die Schneekugel geben, doch
ich hab gar keine – so bleibt mir
nur das Warten: das Warten

auf den Schnee

bleibt es mir nur? – einst
schrieb ich voller Übermut:
„schneien möcht ich“ …
sollte ich es nun nicht doch
versuchen? die Luft atmet
Schnee – und ich bin bereit:

schneien werd ich, bis es
endlich – endlich! –
schneit

Dezember

leichten Schneefall schenkt
er mir so kurz nach Mitternacht
zu seinem ersten Tag im Jahr.
ich fang mir eine Flocke ein
aus seinem weißen Haar.
ich atme tief: Dezemberluft!
und lass mich von ihm rufen
so, wie er allein mich nennt:
bei meinem Schneenamen

bald, schon bald

bald
flocke ich aus,
mein spätes Sommerwort
zu unterwintern

bald schon
stiebe ich auf,
in alten Hinterwinterbildern
schneezustöbern, leis

bald, schon bald
riesel ich nieder, wieder
und wieder, meiner Nachherbstverse
Harsch und Firn zu überpulvern:
kristallin

sozusagen eine Fortsetzung zu „schneien möcht ich“

schneien möcht ich

Ja, weit vor der Zeit, ich weiß. Aber der „snow“-Impuls von #inktober neulich hat mir in Erinnerung gerufen, dass ich doch mal ein Schnee-Büchlein basteln wollte, und den ersten Versuch sehr Ihr hier auf Lyrifants Editionen.

(Inzwischen gibt es noch eine zweite Version dieses Schnee-Büchleins, die nun den Text selbst zum Schneien bringt – zumindest in Eurer Phantasie).

(1)

schneien
möcht ich
in stillen Flocken
die schwarze Erde
in tiefe Weiße
schreiben

 

(2)

schneien
möcht ich
in dicken Flocken
schreiben
in den eisblauen See
in den schneeweißen Schnee

 

(3)

schneien
lasst mich
in die guten Stuben
rein schreiben
die weiße Wand
auf weißem Papier

 

(4)

zuschneien
lasst mich
in Sternenflocken
eure Fenster und Türen
zuschreiben
mit der Weisheit
ewiger Weißheit

 

(5)

einschneien
möcht ich
Weiß auf Weiß
unsere alte Welt
einschreiben
in mein weißestes Weiß
einsinken
möge sie in meine
ewige weiße Ruhe