auf den Punkt

eine Punktuelle

Ules feine Punkt-Reflexionen haben in mir einen (hihi!) Punkt angesprochen, über den ich schon länger nachdenke. Immer wieder hab ich mir überlegt, dass es schön wäre, ein Gedicht über den Punkt zu schreiben; aber noch schöner, wenn dies gleichzeitig eine heimliche Hommage an den Strichpunkt würde; denn gäbe es ihn nicht, müsste man ihn glatt erfinden! Findet Ihr nicht auch? Und eine neue lyrische Gattung gleich mit 😉

das ist der Punkt.

auf dem Punkt. wird er zum Doppelpunkt:
Punkt. für Punkt. wird er zum Strich –
das ist der neuralgische Punkt!
kein Punkt. mehr ein Strichpunkt;
ein wunder Punkt, ein Wunder

ohne Punkt. und Komma, kommst du
nur bis zu einem gewissen Punkt.
das ist ein schwacher Punkt.
niemals auf den Punkt. genau

am toten Punkt . erst dort ist
der springende Punkt. . .
das Pünktchen . auf dem i

(vielleicht ein strittiger Punkt?)

ein Artikel zum Gendern

der Mensch,
das Tier,
die Sache:
da weiß frau gleich,
was Sache ist

das Mensch,
das ist die Frau,
das böse Mädchen:
da beißt die Maus (oder der Mäuserich?)
keinen Faden (keine Fädin?) ab

und für divers fehlt
der/die/das Artikel:
der/die/das Sprache
ist doch gar verqueer!

wie einfach ist es doch,
wennd‘ alemannisch schwätze dusch:
d’Mensch, d’Mann,
d’Frau, d’Sach‘ –
nur sell s‘ müsst gehn:
s’Mädle wird d’Mädchen
und s’Tier wird d’Tier –
das geht dann auch queer!

(k)ein eigentliches Gedicht

eigentlich sollte dies ein Gedicht werden.
doch eigentlich weiß ich nicht so recht,
was ich schreiben soll und warum eigentlich.

eigentlich kann ich Gedichte schreiben.
eigentlich Gedichte kann ich schreiben.
eigentlich schreiben kann ich Gedichte.
eigentlich ich kann Gedichte schreiben.

ja, ich kann Gedichte schreiben, eigentlich.
aber so wird das eigentlich kein Gedicht.
kein eigentliches Gedicht.

nur so

so? – so!
soso

so oder so:
nur so

 

Ule hat mir – Dank sei ihr! – zu Weihnachten ein „Wie für mich gemacht“-Buch geschenkt: Kerstin Preiwuß, Das Komma und das Und. Eine Liebeserklärung an die Sprache. Berlin: Duden 2019.
Kleine Wörter – ganz groß: Das ist ein Motto, das vielen meiner Sprach-Gedichte wie auf den Leib geschrieben ist. Umso merkwürdiger, wie dieses wunderbare Büchlein bisher meiner Aufmerksamkeit hatte entgehen können. Denn wie ich darin lesen kann, gibt es immer noch ein paar schöne Wörtchen (oder auch Satzzeichen), mit denen ich mich bisher noch nicht auseinandergesetzt habe und die es wert wären, dass ich ihnen ein kleines Gedicht widme (wie z. B. „so“) – höchste Zeit also, dies nachzuholen!
Und so (!) starte ich heute am ersten Tag dieses neuen Jahres eine neue Unterrubrik zu meiner Kategorie „Mit einfachen Worten“: „Kleine Wörter – ganz groß“ – und werde nach und nach die bereits in diesem Sinne verfassten Gedichte dieser Kategorie zuordnen (wenn ich sie noch alle wiederfinde 😉 ).
Und warum das Ganze? Nur so.

Wittgensteinchen (12)

wovon du
sprechen kannst,
davon schweige

wovon du aber
nicht sprechen kannst,
davon dichte

 

Damit ist mein kleiner „Wittgensteinchen“-Zyklus nun auch beendet. Und natürlich ist daraus auch ein kleines Büchlein geworden, dessen Prototyp Ihr unter Lyrifants Editionen anschauen könnt.