Trilogie: Minnesangs Ich-Reflexionen – getroumet?

Ein inverses Tanka von Walther von der Vogelweide

Owê, war sint verswunden
alliu mîniu jâr?
ist mîn leben getroumet

oder ist ez wâr?
iemer mê ouwê!

Walther von der Vogelweide wäre nicht Walther von der Vogelweide, würde er sich an Regeln halten. Und so ist sein Tanka nicht nach dem traditionellen Muster 5-7-5 7-7 gebaut, sondern invers: 7-5-7 5-5. Die Verse sind dem Eingang seiner sog. ‚Elegie‘ (L. 124,1) entnommen, kombiniert mit dem Refrain,  wobei ich nur ein wenig eingreifen musste, um die erforderliche Silbenzahl zu erhalten. Hier meine Übersetzung, die die Form zu bewahren sucht:

Ach, wohin sind verschwunden
all meine Jahre?
Ist mir mein Leben geträumt

oder ist es wahr?
Ach, für immer ach!

Diese Tanka-Variation eröffnet eine kleine Dreierreihe, für die ich Verse gewählt habe, die mich immer schon angesprungen, umgehauen und eingenommen haben.

Trilogie: Minnesangs Farben – Blau

secht, wie ez tunkel blawet!
Ein Blaues Tanka von Frauenlob

ich clage min not:
baz dem munde zeme ein
liljenwizes ja

dann ein nein von jamer bla –
secht, wie ez tunkel blawet!

 

Für dieses Blaue Tanka habe ich Verse aus drei Gedichten von Frauenlob (Heinrich von Meißen) zusammengeschmiedet: Der Eingangsvers stammt aus Lied 6, Strophe 2, Vers 1; der Mittelteil aus Lied 2, Strophe 2, Verse 5f.; der Schlussvers stammt aus dem Spruch VII,29, Vers 1 (zitiert nach der Göttinger Ausgabe von Karl Stackmann und Karl Bertau).
Inspiriert wurde diese Trilogie und speziell dieses Gedicht durch Sophie Paulchens #frapalymo im November 2016 (Impuls No. 21).

Worthilfen: tunkel = dunkel; baz = besser; zeme = wäre angemessen; dann = als

#frapalymo 21-nov-16: blaues tanka

Der einundzwanzigste Impuls – „schreibt ein blaues tanka – kommt mir doch sehr entgegen. Ich liebe die Farbe Blau, und ich mag es gern kurz. Ja, und überdies habe ich mich in diesem Sommer auch schon ein bisschen intensiver als bisher auf Haiku und Tanka eingelassen, also: Ein blaues Tanka, aber gern doch!

 

blaues tanka

heidelbeerenblau
die lippen, augenblick ins
kindheitshimmelblau

ohr an welt, füße im see –
heut noch: den kopf voller blau